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Aus der Frankfurter Rundschau vom 9. September 1999:

Auf dem heißen Stuhl wird das Verbrechen zum Ärgernis für Täter

Anti-Aggressions-Training für junge Kriminelle in Stendal/Jeder dritte Straftäter in Sachsen-Anhalt unter 21 Jahre alt

Von Birgitt Pötzsch (Stendal/ap)

"Ich habe gehört, dass wir hier provoziert werden, bis wir ausrasten", sagt Marcel und fügt düster hinzu: "Und dann werden wir auf die Matte gelegt." Marcel ist 19 Jahre alt und wegen eines schweren Raubüberfalls zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. Er gehört neben 14 weiteren jungen Kriminellen zu den Teilnehmern eines 19-wöchigen  Anti-Aggressions-Trainings, das jetzt in Stendal in Sachsen-Anhalt begann.

Marcel weiß, dass er durchhalten muss. Die Teilnahme an dem Training, das von einem Psychologen, einer Sozialarbeiterin und einem Krankenpfleger betreut wird, gehört zu seinen  Bewährungsauflagen. ,Dabei habe ich gar nichts verbrochen, habe bei dem Überfall nur daneben gestanden", klagt der junge Mann. Jugendrichter Rainer Mählendorff sieht genau in dieser Argumentation das Dilemma. Bei den meisten straffälligen Kindern und Jugendlichen sei die Gewaltschwelle unheimlich niedrig. Vielen sei gar nicht bewußt, welchen Schaden sie mit ihrem Handeln anrichteten und welche Ängste ihre Straftaten bei  den Opfern auslösten.

Mählendorff gehört zu den Initiatoren des Anti-Aggressions-Trainings, dem Stendaler Arbeitskreis "Prävention/Kinder- und Jugendkriminalität". Um der wachsenden Gewalt unter  Kindern und Jugendlichen entgegenzusteuern, haben sich engagierte Bürger vor zwei Jahren zu diesem Gremium zusammengeschlossen. "Wir wollen mit dafür sorgen, dass die Menschen abends wieder ohne Ängste durch die Stadt laufen können", erklärt Jugendstaatsanwältin Dagmar Regel.

In Sachsen-Anhalt steigt die Kinder- und Jugendkriminalität seit Jahren. 1998 wurden 34,5 Prozent aller Delikte von Straftätern unter 21 Jahren verübt. Raub, Sachbeschädigung,  Landfriedensbruch und Diebstahl stehen ganz vorn in der Liste der Verbrechen.

Landesjustizministerin Karin Schubert sieht in der hohen Arbeitslosigkeit, in materieller Not, fehlenden Zukunftsaussichten und zunehmendem Werteverfall die Hauptursachen für die Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen. Die SPD-Politikerin unterstützt das Projekt in Stendal und verweist auf Untersuchungen, nach denen Haftstrafen gerade bei jungen Leuten kaum zur Resozialisierung beitragen.

Nach Ansicht von Staatsanwältin Regel wird häufig verkannt, dass die von Kindern und Jugendlichen begangenen Straftaten oft Ausdruck einer fehlgeschlagenen Sozialisation sind.  Unzureichende Erziehungsbemühungen durch die Eltern, anhaltende Misserfolge in der Schule sowie unausgefüllte Freizeit seien weitere Faktoren. Richter Mählendorff verweist darauf, dass alle Teilnehmer an dem Training aus gestörten Familienverhältnissen kommen. So ist die Mutter von Marcel tot, der Vater hat einen Job in Bremen und ist nur am Wochenende zu Hause. "Ich muss mich deshalb auch um meine 16-jährige Schwester kümmern", sagt Marcel.

"Auf der anderen Seite gibt es junge Leute, die sich mit ähnlichen Problemen rumschlagen, aber nicht straffällig werden", meint Mählendorff. Sie könnten mit Stresssituationen umgehen, ohne gleich zuzuschlagen. Genau das solle bei dem Anti-Gewalt-Training geübt werden. Eine große Rolle spielt dabei der "heiße Stuhl", auf dem der junge Straftäter in der Gruppe "psychisch und  physisch sehr bedrängend und provozierend mit seinen eigenen Verbrechen konfrontiert werden soll", wie der Jugendpsychologe Michael Buhlmeyer erklärt. Weitere Formen des Trainings seien Rollenspiele und Interviews.

Dabei sollen die Jugendlichen die Auslöser ihrer Aggressionen erkennen und lernen, ihr Verhalten zu ändern. Und ,schließlich werden den Kursteilnehmern Opfer ihrer Taten vorgestellt. Den  meisten Tätern sei der Schaden ihrer Handlungen gar nicht bewusst, sagte Buhlmeyer. Werden sie damit konfrontiert, könnte ihnen der Spaß an Gewalt genommen werden. Friedfertiges Verhalten wollen zwei Polizeibeamte  mit den Jungen in der Sporthalle üben. Beim Erlernen von asiatischer Kampfkunst soll gezeigt werden, dass Zuschlagen Angst und Nichtzuschlagen Mut bedeutet.

Für Staatsanwalt Mählendorff ist das Anti-Gewalt-Training, für das vorerst drei Kurse geplant sind, "knallharter Opferschutz". Justizministerin Schubert möchte das Stendaler Pilotprojekt auch auf andere Städte übertragen sehen.

 

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