Ausgrenzung

Aus der Frankfurter Rundschau vom 10.11.1999:

Straffälligenhilfe in der Defensive

Ausgrenzung gerügt

Von Jutta Redmann (Bonn)

Wer sich heute für Straffällige einsetzt, dem weht zunehmend ein eisiger Wind ins Gesicht. Diese Bilanz haben die in der Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe organisierten Wohlfahrtsverbände bei ihrem Kongress in Bonn gezogen.

"Straffälligenhilfe ist nicht nur eine karitative Arbeit", sagt Hans-Jürgen Kerner, "sondern professionelle soziale Integrationsarbeit, die zum Frieden in den Gemeinden beiträgt." Der Professor vom Kriminologischen Institut der Universität Tübingen wehrte sich auf dem Kongress in dieser Woche nachdrücklich dagegen, dass die Sozialarbeit mit straffällig gewordenen Menschen immer stärker in die Defensive gerate. Auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Erich Marks, klagt, dass der Vorwurf immer lauter werde, "die Gesellschaft kümmere sich zu sehr um die Täter und nicht um die Opfer".

Nach Einschätzung des Kriminologen Kerner "denken die meisten gar nicht an das Opfer, sondern bloß an Strafverschärfung". Zu dieser "wachsenden Bestrafungslust auch in  Deutschland" haben nach Ansicht der Experten Länder wie die USA und Großbritannien entscheidend beigetragen. In einigen US-amerikanischen Bundesstaaten sind bereits vierjährige Kinder strafmündig, in Großbritannien Zehnjährige. 1,8 Millionen Menschen sitzen laut Kerner in Amerika hinter Gittern: Dort werde sogar diskutiert, ob man 14-jährige Kinder zum Tode verurteilen solle, berichtet der Tübinger Kriminologe  und warnt vor dem "Siegeszug des US-Modells", das in Deutschland zunehmend Anhänger finde. Nach dem Motto: "Endlich greift mal jemand durch und zeigt es denen."

Auch die Frankfurter Professorin für Soziologie, Helga Cremer-Schäfer, befürchtet eine "Dramatisierungsschraube": Zuerst werde Angst vor einer "neuen Unterklasse"  geschürt, um anschließend "autoritäre Strategien und soziale Ausgrenzung zu rechtfertigen". Das sind düstere Bedingungen für alle, die für Resozialisierung anstatt Repression eintreten.

Der Vorsitzende der 1990 gegründeten Straffälligenhilfe Marks weiß aus seiner Arbeit, dass "überfüllte Gefängnisse die Probleme verschärfen". Denn Haft bedeute soziale  Isolierung, schädliche Kontakte und negative Orientierung. "Alternative Sanktionen" wie gemeinnützige Arbeit und der Täter-Opfer-Ausgleich förderten dagegen die Integration. Hier sei die rot-grüne  Bundesregierung auf dem richtigen Weg, loben die Fachleute. Vor allem beugten existenzsichernde Arbeit und bezahlbare Wohnungen Kriminalität vor. "Deshalb brauchen wir bei aller notwendigen Sparpolitik auch ein  Bündnis für eine vernünftige Sozial- und Jugendpolitik."

Nach Angaben der Wohlfahrtsverbände sind 50 bis 60 Prozent der jährlich rund 100000 Häftlinge in den Justizvollzugsanstalten arbeitslos. Haben sie Arbeit, dann erhalten sie dafür knapp 200 Mark Lohn im Monat - "viel zu wenig, um Familienangehörige zu unterhalten", rügt Marks und sieht sich in dieser Kritik durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Werden sie aus der Haft entlassen, haben sie in den meisten Fällen ihre Wohnung und Beschäftigung verloren, konkurrieren mit Wohnungssuchenden und Arbeitslosen, die nicht das "Stigma der Inhaftierung" tragen.

Die Verbände in der Straffälligenhilfe versuchen zwar, diesen Menschen Wohnraum und Arbeitsplätze auf dem zweiten Arbeitsmarkt zu verschaffen. Doch sind sie meist überfordert. "Bewährungshelfer haben oft 80 Probanden, von denen 70 arbeitslos sind", berichtet Kerner. Da kämpfen sie auf verlorenem Posten: "Straffälligenhilfe läuft ins Leere, wo Ressourcen wie Wohnung und Arbeit fehlen."

 

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