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Forschung

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover ( KFN ) hat eine seine jüngsten Untersuchungen zu Jugend(gewalt)kriminalität und ihren Ursachen zusammenfassende Presseerklärung veröffentlicht, die ich mit freundlicher Genehmigung der Verfasser nachfolgend auszugsweise ( Thesen und vorläufiges Fazit ) wiedergebe ( Die ungekürzte Fassung können Sie auf der Seite “Downloads” herunterladen ):

Zur Struktur und Entwicklung der Jugendgewalt in Deutschland
– Ein Thesenpapier auf Basis aktueller Forschungsbefunde –

Christian Pfeiffer und Peter Wetzels

 

Am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen wurden im Jahr 1998 drei umfangreiche Untersuchungen zum Thema Jugendgewalt durchgeführt: (1) Eine Repräsentativbefragung von  Jugendlichen neunter Schulklassen zu ihren Gewalterfahrungen und -handlungen. Mittlerweile liegen Daten von 12.882 Befragten aus den Städten Kiel, Hamburg, Hannover, Stuttgart, Schwäbisch Gmünd, Leipzig, Wunstorf und Lilienthal dazu vor. (2) Eine Analyse aller Akten der Jahrgänge 1990, 1993 und 1996 der Staatsanwaltschaft Hannover, die junge Menschen unter 21 Jahre betreffen, die als Tatverdächtige von Gewaltdelikten polizeilich registriert worden sind. (3) Eine Untersuchung der Entwicklung der Kriminalität junger Menschen anhand von Statistiken der Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte auf Bundes- und Landesebene. Im nachfolgenden werden zentrale Befunde dieser drei Forschungsprojekte in Thesenform vorgestellt und erläutert.

    Die Thesen: 

    Der Anstieg der Jugendgewalt fällt in Wirklichkeit schwächer aus, als die polizeilichen Daten es signalisieren.

    Die polizeilich registrierten Gewalttaten junger Menschen sind in den letzten Jahren nicht brutaler geworden. Die durchschnittliche Deliktsschwere hat vielmehr abgenommen.

    Die Zunahme der Jugendgewalt steht in engem Zusammenhang damit, daß unsere Gesellschaft immer mehr zu einer Winner-Loser-Kultur wird. Vor allem junge Migranten geraten dabei in ein soziales Abseits.

    Der Anstieg der Jugendgewalt ist überwiegend jenen jungen Migranten zuzurechnen, die sozial nicht integriert werden konnten. Eine besondere Problemgruppe sind solche jungen Zuwanderer, die seit längerem in Deutschland unter Bedingungen sozialer Benachteiligungen aufwachsen.

    Jugendliche, die in ihrer Kindheit oder aber auch als Jugendliche von ihren Eltern massiv geschlagen oder mißhandelt wurden, werden erheblich häufiger selber gewalttätig als nicht  geschlagene junge Menschen.

    Jugendgewalt ist männlich; das Übergewicht junger männlicher Täter hat sich seit Mitte der 80er Jahre sehr verstärkt.

    Das Risiko der Entstehung von Jugendgewalt erhöht sich drastisch, wenn mindestens zwei der folgenden drei Faktoren zusammentreffen:

    a. die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt,

    b. gravierende soziale Benachteiligung der Familie,

    c. schlechte Zukunftschancen des Jugendlichen selbst aufgrund
    eines niedrigen Bildungsniveaus.

    Junge Menschen, die Opfer innerfamiliärer Gewalt waren, schließen sich signifikant häufiger in gewaltbefürwortenden Gleichaltrigengruppen zusammen. Auf Jugendliche aus solchen  devianten Gruppen entfällt der überwiegende Anteil der Jugendgewalt. Die Mitgliedschaft in devianzgeneigten Cliquen hat zusätzlich zu den innerfamiliären Gewalterfahrungen einen das Risiko aktiver  Gewalttätigkeit steigernden Effekt.

    Ein erstes Fazit

Angesichts der Forschungsbefunde liegt es auf der Hand, daß kriminalpolitische Strategien, die einzig auf vermehrte Repression setzen, nicht vorwärts weisend und erfolgversprechend sein  können. Repression bedeutet für gewaltgefährdete junge Menschen in der Mehrzahl der Fälle nur mehr von demselben, was sie in ihrer Biographie bislang ohnehin schon erdulden mußten. Anstelle von Zuwendung,  Anerkennung und Förderung haben sie schon in ihren Familien nicht selten Ausgrenzung, Ablehnung und auch Gewalt erfahren.

Unsere Gesellschaft ist insoweit aufgefordert, das Aufwachsen von jungen Menschen so zu gestalten, daß sie Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz entwickeln, sich in unsere Gesellschaft  eingebunden fühlen und Verantwortung und Gemeinschaftssinn entfalten können. Bei vielen Kindern und Jugendlichen sind derzeit dafür die Rahmenbedingungen zumindest als ungünstig zu bezeichnen. Hinsichtlich der familiären Situation ist die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts überfällig. Ein Staat, der seinen Bürgern signalisiert, daß das Schlagen von Kindern rechtmäßig sein könnte, produziert damit das  Mißverständnis, das rechtlich Erlaubte sei auch richtig. Auf diese Weise wird er mitschuldig an dem hohen Niveau innerfamiliärer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Hier sind ferner alle Professionen aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten, um die Angebote in Kindertagesheimen, Schulen, Beratungsstellen und Jugendhilfeeinrichtungen so miteinander zu verzahnen und nötigenfalls zu ergänzen, daß eine wirksame Früherkennung  gesichert und effektive Hilfe möglich wird.

Angesichts der Lage der jungen Migranten sind in den Bereichen Schule, Berufsausbildung, Familienberatung, Sport und Freizeitgestaltung verstärkte Bemühungen der sozialen Integration  erforderlich. Anderfalls drängen wir die Gruppe der in den letzten Jahren vermehrt zu uns kommenden jungen Zuwanderer mit zunehmender Aufenthaltsdauer in eine problematische Randgruppenexistenz mit entsprechenden Risiken, was Gewalt anbelangt.

Am Beispiel der Migranten zeigt sich im übrigen besonders akzentuiert, was für Jugendgewalt generell gilt: Sie ist primär männlich: Präventive wie interventive Maßnahmen sind gut beraten, der konstruktiven Auseinandersetzung mit problematischen Männlichkeitsvorstellungen einen hohen Stellenwert einzuräumen.

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