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In welche Richtung geht die Drogenhilfepolitik?!
Krim-Info: Vor ein paar Jahren wurde sehr viel Hoffnung in drogenpolitische Neuerungen gesetzt. Nach dem Wechsel der Bundesregierung ist allerdings keine drogenpolitische Initiative erkennbar, die BtmG-Bestimmungen einer grundlegenden Revision in Richtung "Legalisierung" zu unterziehen. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Gleiches gilt auf der Ebene Hamburger Landesdrogenpolitik, die den angemahnten Paradigmenwechsel durchaus erwarten liess. Wie erklärt sich das Auseinanderklaffen zwischen den sozial- wie fachpolitischen Forderungen der Drogenhilfeeinrichtungen und der (Hamburger) Drogenhilfepolitik? In welche Richtung geht die Drogenhilfepolitik und wo liegen die Hinderungsgründe, dass Erforderliche zu realisieren ?
Rainer Schmidt: Wir haben - und das denke ich ist wirklich wichtig - hier eine Gesetzesrealität, die eigentlich nach wie vor keine Spielräume lässt. Wir haben eine Gesetzesrealität, die faktisch durch politisches Handeln und Agieren von uns, den Leuten mit dem akzeptierenden Drogenansatz aufgeweicht worden ist, ohne dass es real Veränderungen gegeben hat. Das bedeutet, wir haben eine Diskrepanz, einen Widerspruch zwischen gesetzlicher Situation und den handelnden Menschen der handelnden Politik und den Aktivisten vor Ort. Das ist das eine, was man konstatieren muss. Eigentlich ist die Erwartung immer die gewesen, dass die gesetzliche Situation zumindest den weitgehend bestehenden Realitäten angepasst wird, das wäre das mindeste. Das ist bisher nicht geschehen, da gibt es ein paar Versprechungen, mal sehen, wie weit die gehen. Darüber hinaus gibt es die Erwartung - und das berührt jetzt auch die Gesetzgebung - dass man fragt, wenn alte Wege wie "Clean" und Repression gescheitert sind, wo ist da die Alternative? Das ist ein Bereich, der weit über das hinausgeht, was bisher in der Realität erkämpft worden ist - durch Faktensetzung. Das ist die Situation, die man diskutieren muss wie Legalisierung oder ähnliches. Und das sind eigentlich auch die Erwartungen, die man an Politik haben muss, wenn sie den realen Verhältnissen in dieser Gesellschaft und insbesondere den Junkies gerecht werden will. Und diese Erwartung ist stecken geblieben. Wir können nicht erkennen, dass eine Initiative in Bonn ergriffen wird, die diesen Erwartungen gerecht wird.
Krim-Info: Mit dem Landesprogramm Drogen sollten vor 10 Jahren diese Initiativen auf den Weg gebracht werden. Die Konzepte sind vorhanden denn es gab konkrete Novellierungsvorschläge. Was ist der Grund, dass eine solche Initiative nicht ergriffen wird?
Rainer Schmidt: Ich sehe noch nicht einmal die Bereitschaft von vor 10 Jahren, hier etwas grundlegend zu verändern. Du sprichst von Initiativen, die damals gestartet worden sind. Das ist richtig, aber diese Initiativen haben sich sämtlichst auf dem Niveau von Entkriminalisierung bewegt. Mit anderen Worten, Entkriminalisierung ist ein schamhafter Versuch, der Lebensrealität der Leute auf der Strasse gerecht zu werden. Indem man sagt, das macht keinen Sinn, dass Abhängige, die man dann auch noch als Kranke bezeichnet, durch die Repressionsmaschinerie geschleust werden, sondern da muss etwas anderes her. Das ist eher vergleichbar mit den auch immer diskutiert Initiativen Schwarzfahren und ähnliches zu entkriminalisieren. Das ist etwas anderes als das, was wir unter Gesichtspunkten der Legalisierung diskutieren. Unter Gesichtspunkten der Abschaffung der Prohibition. Das ist eine ganz andere Dimension. Insofern haben das die früheren Initiativen gar nicht einleiten können, einleiten wollen. Hinzu kommt noch eines: Man hat damals sehr wohl versucht pragmatische Wege vor dem Hintergrund der gigantischen Aids-Gefahr zu finden. Das ist ja der Anspruch gewesen, nicht ein Umdenken in der Drogenpolitik, sondern die Angst und die Befürchtung vor - wie es auch im Spiegel beschrieben wurde - der "Seuche". Das hat den Schub gegeben. Das hat auch zu gewissem Nachdenken geführt, aber es hat nie die Absicht bestanden, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen. Der hat bestenfalls bei denen bestanden, die unter dem Akzeptanzansatz angetreten waren.
Der Akzeptanzansatz hat eines möglich gemacht, nämlich die Enge des Clean-Dogmas gekoppelt mit der Repression zu sprengen. Für die akzeptierenden Leute ist es plötzlich möglich gewesen, zu sagen, natürlich kann man clean leben, ist doch schön, wenn die Leute clean leben. Aber man konnte genauso gut an Spritzentausch denken, an Fixerräume, man konnte denken, dass Handeln erlaubt sein muss, weil es ja auch Konsumenten gibt, man kann an kontrollierte Heroinabgabe denken, man kann an Legalisierung denken. Das heisst, der eigentliche Paradigmenwechsel wäre der, die akzeptierende Drogenarbeit, den Akzeptanzansatz als ideologischen und pragmatischen gleichzeitig zu befördern und den Repressiv-Clean-Ansatz in die Tonne zu treten. Und das ist nicht passiert.
Norbert Dworski: Die haben nebeneinander weiter existiert, und heute können wir sogar feststellen, dass der Clean-Ansatz gekoppelt mit dem Repressiv-Ansatz wieder favorisiert wird. Ein Beispiel hierfür sind die Koalitionsverhandlungen in Hamburg; der akzeptierende Ansatz ist weder im Koalitionspapier genannt noch durfte er in den Verhandlungen thematisiert werden, wie uns Insider, die an den Verhandlungen teilgenommen haben berichteten.
Rainer Schmidt: "Durfte"; das heisst, er ist explizit ausgeschlossen worden.
Norbert Dworski: Von daher hat auch kein Paradigmenwechsel stattgefunden, sondern es ist ein neuer Ansatz auf den Weg gebracht worden, nämlich der akzeptierende Ansatz, der versucht hat, Boden zu gewinnen und sich durchzusetzen. Aber Politik und Verwaltung haben weiterhin den alten Ansatz favorisiert. Und gerade heute wird das deutlicher denn je zuvor. Eine Zeit lang haben wir wirklich gedacht, dass er den alten Ansatz ablösen würde, oder zumindest gleichberechtigt nebenher bestehen, aber es zeichnet sich immer mehr ab, dass der alte Ansatz favorisiert wird.
Rainer Schmidt: Wir haben eine Situation, in der eine Veränderung durch diesen Akzeptanzansatz erwartet wird. Dieser Akzeptanzansatz wird aber zurückgeschraubt.
Michael Alex: Eigentlich ist das, was man bundespolitisch im Augenblick erlebt, mehr so, dass das, was durch den Akzeptanzansatz ins Laufen gebracht wurde, angestrebt wird, man versucht zu legalisieren, was immer in diesem Grauzonenbereich gelaufen ist. Aber es ist nicht mehr erkennbar, sondern man bemüht sich jetzt, die Rechtslage auf eine Realität, die inzwischen eingetreten ist, auf dieser Akzeptanzgrundlage einzustellen. Aber es gibt kein Konzept, was in die Richtung weiter geht. In der Hamburger Politik wird im Gegenteil ganz massiv eingegriffen gegen den Akzeptanzansatz. Alles, was hier an Initiativen läuft, ist eher ein Zurückschrauben.
Mit Begriffen wie Versorgungseinrichtungen werden heute die guten und die schlechten Fixerräume differenziert, die Versorgungseinrichtungen, das sind die schlechten und die ausstiegsorientierten, das sind die guten. Dieser Gegensatz wird im Augenblick ganz massiv aufgebaut, und in sofern ist eigentlich das, was bundespolitisch läuft, kein Hinterherlaufen, sondern tatsächlich eine Entwicklung, die angeschoben worden ist, die Veränderungen gebracht hat und die man jetzt nicht halblegal weiterlaufen lassen kann.
Norbert Dworski: Veränderungen, die auch benötigt werden, soviel ist zumindest erkannt worden, die für eine harm-reduction - also auch für die Stadt eine harm-reduction - tatsächlich benötigt werden. Ähnlich wie der Spritzentausch der ja lange Jahre auch im Grauzonenbereich lief. Erst durch die Aids-Problematik ist er letztendlich auch gesetzlich legitimiert worden. Das war eine Notwendigkeit, an der kein Mensch mehr vorbei kam. Ganz einfach, weil damals die Befürchtung war, die Verseuchung oder wie immer man das bezeichnet hat, betrifft breite Bevölkerungskreise. Durch die Beschaffungsprostitution usw. hat es sich in den Familien verbreitet und wurde in die gutbürgerlichen Ebenen hineingetragen. Solange es nur eine Randproblematik unter Schwulen und unter Junkies war, interessierte das nicht weiter. Erst als deutlich wurde, auch andere Bevölkerungsschichten sind betroffen, wurde pragmatisch reagiert. Und genauso ist das auch mit den Fixerräumen. Hier ist jetzt nicht mehr die Gefährdung breiter Bevölkerungsschichten das Problem, sondern die Gefährdung "sauberer Innenstädte": "Junkies weg von der Strasse". Erscheinungsbilder sind anders zu gestalten. Man kann sagen, dass die Fixerräume mittlerweile nach dem Motto " Weg von der Strasse mit den Junkies" ein Stück ins repressive System eingebaut worden sind.
Krim-Info: Bewegt sich akzeptierende Drogenarbeit vor diesem politischen Hintergrund bereits im Bereich staatlicher Ordnungspolitiken?
Rainer Schmidt: Nein, noch nicht. Man muss einen Unterschied sehen. Der Bereich akzeptierende Drogenpolitik als sowohl theoretischer und ideologischer Ansatz grenzt sich ganz explizit von jeglicher Art von Repression ab und will ganz andere Sachen eröffnen. Eine völlig andere Frage ist, wie das andere Leute begreifen. Dass mit diesen Angeboten auch ordnungspolitische Ansätze verbunden werden, also: "Die Stadt muss sauber sein – Das Elend muss weg", das ist nicht dem Umstand des theoretischen Ansatzes "Akzeptanz" geschuldet, sondern dem Umstand, dass andere Leute andere Interessen haben. Natürlich ist man nie davor gefeit, dass versucht wird, zu funktionalisieren. Damit haben wir ja gerade zu tun. Indem wir sagen: "Nein, Polizei, das ist der eine Bereich, wir sind der andere Bereich." Dass es dort zu Überschneidungen kommt, ist ganz einfach. Wenn die Polizei einem Dealer hinterherläuft und der in einem Fixerraum landet, dann machst du dicke Backen. Also musst du dich auseinandersetzen mit dem repressiven Teil. Aber ein Bestandteil dieses Akzeptanzansatzes meint ja auch Legalisierung. Wenn man Legalisierung denkt, dann weiss man gleichzeitig, dass das eine Abkehr von der Repression ist. Und Möglichkeiten für die Konsumenten ebenso wie für die Dealer eröffnen würden, andere Formen des Lebens, der Kommunikation, des Handelns zu entwickeln, die in dieser Gesellschaft überhaupt nicht auffallen würden. Jeder kennt die jämmerlichen Gestalten, mit denen wir es zu tun haben. Das ist das Ergebnis der Illegalität, nicht der Droge. Kommen die Leute an sauberen Stoff, gäbe es eine Möglichkeit kontrolliert, gut dosiert den Stoff zu nehmen, würde diese Menschengruppe überhaupt nicht mehr auffallen. Wir haben ja jetzt schon die Situation - diese gesellschaftliche Realität muss man sich immer wieder vergegenwärtigen - dass in der Wandelhalle im Hauptbahnhof, wo natürlich auch gedealt wird, die Betreiber dieser Wandelhalle mit der Schulter zucken und sagen, die sind adrett gekleidet, die fallen nicht auf, solange ist das auch kein Problem. Das muss man realistisch sehen. Genauso wie diejenigen kein Problem sind, die sich nicht auf der Strasse aufhalten. Also das, was nicht offene Szene ist, wer "häuslich" konsumiert, sich am Wochenende einen Druck macht, wer genüsslich kokst und ähnliches mehr ist doch für diese Gesellschaft überhaupt kein Problem. Soweit also zum Thema Akzeptanz und Ordnungspolitik.
Norbert Dworski: Man muss das deutlich auseinanderhalten. Es gibt eine Menge Indizien für das, was Rainer gesagt hat. Dieser Bereich wird für die repressiven Massnahmen instrumentalisiert. Als in Frankfurt Fixerräume eingerichtet wurden, wurde ein Shuttle-Service am Hauptbahnhof eingerichtet, der faktisch durch die Polizei bestückt worden ist. Die Polizei hat die Leute in den Bus gedrängt oder aufgefordert, den Bus zu benutzen, damit sie aus den Taunusanlagen und aus dem Innenstadtbereich verschwinden und in diese Randeinrichtung kommen. Das war die erste Massnahme, die einem schon mal die Augen öffnete, und das, was sich jetzt hier abzeichnet, nenne ich reine "Ballerburgen" à la Nedderstrasse, dort wurden die Öffnungszeiten auf 85 Stunden die Woche erweitert mit drei festangestellten Sozialpädagogen und ansonsten nur Studenten. Das ist ein Billigstangebot mit Sperrmüllmöbeln und Dumpinglöhnen. Die Szene wird überdacht, sie verschwindet von der Strasse. Die Polizei fordert, dass solche Einrichtungen geschaffen werden und in Hamburg werden sie jetzt auch favorisiert, damit die Möglichkeit besteht, den Junkies eine Alternative zur Strasse zu bieten - das ist der Sprachgebrauch. Für uns heisst das natürlich, dass die Einrichtungen letztendlich bestückt werden durch die Vorgaben der Polizei. Das zeichnet sich immer mehr ab. Im Mediatorenverfahren für St. Georg wird deutlich, dass die zweite Einrichtung, wenn es denn eine geben wird, in die gleiche Richtung gehen wird. Ganz einfach um das Problem unsichtbar zu machen.
Rainer Schmidt: Aber das ist alles jenseits der akzeptierenden Ideologie und der akzeptierenden Ansätze.
Krim-Info: Eigentlich also nur ein funktionales Modell, um öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gestalten, um öffentliches Aufsehen - siehe Schanzenpark, siehe Hauptbahnhof.- zumindest teilweise zu reduzieren?
Rainer Schmidt: Selbst die, die das denken und unter den ordnungspolitischen Gesichtspunkten vertreten, haben in ihrer Logik einen Denkfehler. Fakt ist, dass diese "Ballerburgen", die nur auf Durchschleusen ausgerichtet sind, nichts anderes bewirken, als den "Druck" nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Die werden nie die Szene auf eine Art und Weise begrenzen und verändern, wie es meiner Meinung nach möglich ist, wenn einfach akzeptiert wird, dass diese Menschen nicht nur irgendwo ihren Druck setzen wollen, sondern sie auch Kommunikation wollen, sie ein soziales Umfeld brauchen. Das, was normaler Weise am Hauptbahnhof geschieht, wo die Polizei selber sagt: "Das ist deren Wohnzimmer, die leben dort". Man muss ihnen Lebensmöglichkeiten geben. Und Lebensmöglichkeiten heisst etwas mehr, als ihnen irgendwo einen Stuhl hinzustellen und einen kleinen wackeligen Tisch - oder meinethalben auch einen schönen Tisch - wo sie sich in einer Viertelstunde einen Druck machen können und dann wieder raus müssen. Das ist keine neue Lebensrealität. Das ist schamlos, was da eigentlich betrieben wird.
Krim-Info: Aber ist es nicht geradezu so, dass durch diese ordnungspolitische Diskussion der Akzeptanzansatz gefährdet ist? Unter den beschriebenen Voraussetzungen, Öffentlichkeit in diese Debatte einzubeziehen, konnte doch nur ein ordnungspolitischer Diskurs geführt werden. In der Auseinandersetzungen um die Situation in St. Georg wehrten sich die Geschäftsleute, Anwohner vehement, obwohl dieser Stadtteil doch eigentlich funktionierte. Diese Akzeptanzperspektive verschwindet immer mehr, weil sie offenbar nicht mehr diskutierbar ist, weil "Öffentlichkeit" sich vehement gegen das Elend - "Ich kann's nicht mehr mit ansehen" - wehrt, weil die Situation als unhaltbar angesehen wird.
Rainer Schmidt: Ich bin mir da nicht so ganz sicher, ob das so richtig ist. Ich glaube, derjenige, der den Akzeptanzansatz richtig durchdenkt, der muss sich darüber im Klaren sein, den Ansatz werden nie die Krankenkassen bezahlen. Ist ja logisch, weil da manifest wird, dass wir es mit einem gesellschaftspolitischen Problem zu tun haben. Und dass Gesellschaft, sprich Staat, in erster Linie gefragt ist. Wir haben in den letzten Jahren damit zu tun, dass der Staat gerade im Suchtbereich am liebsten jeden für krank erklären würde, um die Kostenträgerschaft wegzudrücken. Also vor dem Hintergrund bekommt es für die aktuelle Politik, für die Realpolitik von Grün und Rot einen unheimlichen Stellenwert, diese Problematik wegzudrücken und deshalb diesen Clean-Ansatz auch wieder höher leben zu lassen, ausstiegsorientiert, daraus Reha-Massnahmen zu machen, das überhaupt zu einem Reha-Problem zu erklären oder als Krankenbehandlung zu bezeichnen. Das ist ein Motiv und ein weiteres Motiv ist natürlich das der Hilflosigkeit der Polizei auf der Strasse, die sieht, mit Repression ist nichts zu machen. Hunderttausend Platzverweise in St. Georg - da brummt einem ja der Schädel. Die haben natürlich aus sehr vordergründigen Motiven - wenn man mal davon absieht, dass es da auch viele gibt, die das ganze menschliche Elend nicht mehr sehen wollen - ein Interesse daran, dass Einrichtungen herkommen, dass die Leute von der Strasse kommen. Das besteht nebeneinander her, und wie sich das nun gegenseitig durchdringt, oder sich gegenseitig beeinflusst, das ist eine andere Frage. Aber über allem steht aktuell die Sache: Nach Möglichkeit nicht eine weitere müde Mark in dieses System zu stopfen, sondern nur zuzusehen, dass die Kosten, die in diesem System auflaufen, an die Kassen abgedrückt werden, damit sich Politik verabschieden kann aus der Verantwortung.
Norbert Dworski: Das gleiche zeichnet sich für das Heroinvergabeprogramm ab, das ist ja mittlerweile auf eine Medikamentenstudie eingedampft; auch die Richtung ist schon völlig klar, es geht Richtung Medizinalisierung und Abrechenbarkeit.
Krim-Info: Bezogen auf das Drogenelend wurde festgestellt: 'Es ist nicht ein Problem des Drogenkonsums, sondern der Illegalität.' Welche Bedeutung haben andere soziale Faktoren. Ich nenne das Stichwort "Armutsentwicklung". Welche Bedeutung kommt ihr in Hamburg hinsichtlich der Zuspitzung der Verelendung zu?
Rainer Schmidt: Es ist es richtig, dass Armut, mangelnde Freizeitmöglichkeiten, Abbau sozialer und jugendpolitischer Einrichtungen auch auf diese Frage durchschlägt. Festzustellen, dass dies nun die Ursache sei, finde ich ein bisschen weitgehend. Wir haben es immer auch damit zu tun, dass es auch Menschen gibt, die in diesen Lebensbedingungen stecken und eben nicht konsumieren. Das heisst, es gibt immer eine gesellschaftliche Realität und eine subjektive Realität. Und wie das zusammenspielt und dann möglicherweise zum Drogenkonsum führt, das ist nicht erklärbar. Aber Fakt ist ganz einfach, dass natürlich diese miesen sozialen Bedingungen für die Jugendlichen, massiv dazu beitragen, dass das rumgeht. Eine weitere Sache ist, denke ich, dass wir generell beobachten können, dass Politik tendeziell gesellschaftliche Probleme individualisiert. Die Lösungsansätze, die Politik bietet, sind individualisierte Ansätze. Diesen ganzen Faktoren begegne der Staat, indem er einzelnen etwas zukommen lässt und nicht mehr die Gesamtproblematik im Auge hat. Da denke ich, ist auch ein Umdenken erforderlich. Es muss weniger auf Individualisierung und stärker hingeschaut werden auf: "Was brauche ich denn an Gesellschaft? - Was brauche ich denn an Gemeinwesen? - Was brauchen Jugendliche? - Wie muss Gesellschaft strukturiert werden, damit die auch ein einigermassen vernünftiges Lebe führen können, sich einigermassen entwickeln können". Das findet aber nicht statt - im Gegenteil. Es geht mir nicht nur darum, dass ein Paradigmenwechsel im Drogenbereich passiert, sondern die Gesellschaft ist generell gefragt.
Krim-Info: Der Handlungsmöglichkeit akzeptierend arbeitender Einrichtungen ist letztendlich nicht jede Grenze gesetzt. Welche Spielräume - das betrifft dann die berühmten Grauzonen - sind gestaltbar? Ein weiterer Punkt betrifft den vorhin bereits angesprochenen drogenpolitischen Dissens: Bestehen für Einrichtungen, die explizit einen akzeptierenden Ansatz verfolgen und auch entsprechende drogenpolitische Forderungen innerhalb dieser ganzen Drogenhilfeszene formulieren Erschwernisse, ihre Angebote politische durchzusetzen?
Michael Alex: Man kann es ganz deutlich z.B. an der Entwicklung der Substitution sehen. Während man in der Krisensituation in den 80er Jahren bemüht war, möglichst viele Leute in die Substitution hineinzukriegen, ist es inzwischen so, dass in Frage gestellt wird, ob die Substitution Sinn macht, wenn Leute länger als eine bestimmte Zeit substituiert werden. Obwohl wir ja aus der Schweiz viele Erfahrungen haben, dass es 10, 15 Jahre dauert, dass man da überhaupt nicht in Jahren denken darf, ist hier in den letzten zwei Jahren eine Entwicklung eingetreten, wo erstens der Zugang zur Substitution erschwert worden ist, und wo zweitens von Seiten der Sozialbehörde ganz klar die Forderung aufgestellt wird, dass irgendwann Schluss sein muss. Und das hat sich dann auf eine Verwaltungsrichtlinie ausgewirkt, die Regelbetreuungszeit von Substituierten, also die psychosoziale Begleitbetreuung im Regelfall auf zwei Jahre begrenzt. Natürlich hatte man erst versucht, die Kosten den Krankenkassen aufzuhalsen; damit ist man nicht weitergekommen. Dann hat man sich irgendwann entschlossen, um zu sparen, dann müssen wir irgendwelche Fristen setzen. Und damit ist dann eine fachlich überhaupt nicht vertretbare Entwicklung eingetreten. Unsere Therapeuten sagen immer, das ist ein diskontinuierlicher Verlauf, so ein Hinauswachsen aus der Sucht. Da gibt es Phasen, da hat man einen ganz engen Kontakt, dann gibt es Phasen bis über zwei Jahre, wo man überhaupt keine Kontakte miteinander hat, dann gibt es aus unterschiedlichsten Gründen wieder einen Bedarf. Diese Prozesse werden einfach nicht beachtet, weil man sich eben entschlossen hat, feste Fristen einzuführen. An so einer Stelle ist dann schon völlig klar, dass derjenige, der bereit ist zu sagen, ich kriege meine Leute in zwei Jahren durch, natürlich eher gefördert wird, als derjenige, der sagt, wir wissen nicht, wie lange das dauert.
Krim-Info: Das heisst in der Konsequenz: Hochschwelligkeit? Gibt es einen Selektionsprozess nach dem Motto: Ist der Proband, Patient in der Lage, diesen Anforderungen zu genügen, um selber keine Misserfolgszahlen zu produzieren?
Michael Alex: Im Grunde ist dieser ursprüngliche Ansatz, Leute, die aus diesem System rausgefallen sind, in ganz vorsichtigen Form zu integrieren, so auf sie zuzugehen, dass sie es schaffen, völlig weg. Die Anforderungen an die Abhängigen sind unheimlich gross geworden. Du musst einfach eine bestimmte Voraussetzung erfüllen, damit Du für dieses Hilfesystem noch akzeptiert wirst.
Norbert Dworski: Dasselbe zeigt sich an den Fixerräumen. Die akzeptierend arbeitenden Fixerräume versuchen der Lebensrealität der Junkies gerecht zu werden, während die sogenannten ausstiegsorientiert arbeitenden Fixerräume ausgrenzen und nur gezielt Leute hereinlassen, bei denen auch die Hoffnung besteht, dass mit denen ausstiegsorientiert gearbeitet werden kann. Und diese Hochschwelligkeit wird geschaffen, indem da Kontrakte abgeschlossen werden, indem Eingangsgespräche geführt werden und indem zeitlich begrenzte Benutzerausweise ausgegeben werden. Also auch da: ein ganz deutlicher Unterschied, mit wem lohnt es noch zu arbeiten und wer wird dann auch aus diesen Einrichtungen ausgegrenzt.
Krim-Info: Wer den Kontrakt nicht zeichnet, bekommt keinen Benutzerausweis, den Kontrakt könnte er beispielsweise deshalb nicht unterzeichnen, weil er oder sie sagen würde: "Ich habe gar nicht vor, auszusteigen." Das wäre ein Indikator zu sagen, die Nutzung dieses Raumes ist nicht möglich?
Norbert Dworski: Richtig, oder aber der Kontrakt ist auf drei Monate begrenzt und nach drei Monaten zeichnet sich noch keine Verbesserung der Situation ab oder es hat sich nichts ergeben, dann wird er eben gegebenenfalls nicht verlängert.
Rainer Schmidt: Diejenigen, die in einer Clean-Therapie sind, und ausbrechen, d.h. mal wieder Beikonsum haben, dürfen da nicht rein. Substituierte dürfen da nicht rein und jeder weiss, dass neben der Substitution der Beikonsum da ist. Die dürfen da nicht rein, d.h. die verweist man - um es ganz klar zu sagen - ins Gebüsch. Die Erwartungshaltung ist enorm, und eine grosse Problematik besteht auch darin, dass eben untersagt ist, dass Jugendliche da rein dürfen. Gerade diejenigen, an die man eigentlich am ehesten ran muss, denen man am ehesten die Hand reichen muss - auch in den Fixerräumen. Und auch zu diskutieren und zu überlegen mit ihnen, gibt es Wege da raus. Aber die dürfen gar nicht erst rein, die verweist man ins Gebüsch. Diese Haltung, die produziert im Grunde genauso wie die Repression selber dieses Elend.
Krim-Info: Wie könnt Ihr unter den Voraussetzungen eine akzeptierende Drogenarbeit leisten, ohne Euch im illegalisierten Bereich zu bewegen?
Rainer Schmidt: Das ist gut gesagt, das ist ja das Groteske der letzten Jahre. Dadurch, dass diese Arbeitsweise politisch schon gewollt und geduldet war, hatten wir weitgehend freie Hand, wir waren dicht dran an einer Verbraucherberatung. In dem Augenblick, wo diese Dinge plötzlich legal sind, oder legal gemacht werden sollen, versammelte sich die gesamte Bürokratie und hat nur noch eines im Kopf: Regelungsbedarf, reglementieren, festzurren. Wir haben zu Bedingungen der Halblegalität grössere Freiheiten im Agieren gehabt, als zu Bedingungen der Legalität. Weil dann der Regelungsbedarf und die Regelungswut von Politik zuschlägt, weil die sich alle absichern wollen.
Norbert Dworski: Und das fing genau in dem Moment an, als der Regierungswechsel in Bonn, die Koalitionsvereinbarungen auf dem Tisch waren. Da kamen die ersten Vorschriften, die grenzt ihr aus: Substituierte, Therapieabbrecher und Jugendliche. Stoffanalysen dürfen nicht mehr gemacht werden usw. Da war die Bürokratie sofort auf dem Plan, so dass wir da schon gesagt haben, wir sehnen uns nach den Zeiten der Illegalität zurück. Es war zu absurd plötzlich.
Krim-Info: Produziert der bürokratische Apparat "aus sich heraus" kontraproduktiven Strukturen oder stehen nicht finanzielle Erwägungen im Vordergrund, die sinnvolle fachpolitische Erwägungen unterlaufen?
Norbert Dworski: Es ist einer der Kernbereiche, wie das finanziert wird, wieviel davon finanziert wird, wo lohnt es sich noch etwas zu finanzieren und wo lässt sich eine Kostenträgerschaft zuordnen, ohne dass der Staat für dieses gesellschaftliche Problem eintritt.
Ein Aspekt ist allerdings auch, dass immer mit ordnungspolitischen Blick beobachtet worden ist, was in dem Akzeptanzbereich ablief. Da ist der Druck durch die Leute stärker geworden, die sagten, "Auch ihr kriegt mit dem, was ihr da tut, die Szene nicht weg." Das ist natürlich für eine Behörde ein Punkt, mit dem sie sich entweder ganz offensiv auseinandersetzen muss, oder sie fängt an populistisch wahrzunehmen und zu argumentieren. Und das merkt man inzwischen auch an der Form der Diskussionen. Wir machen inzwischen mit der Behörde die Erfahrung, dass Beikonsum bei Substituierten, Beikonsum von Alkohol oder Haschisch als dramatisches Problem bewertet wird. Offensichtlich ist der Legitimationsdruck so hoch geworden, dass es lauter ideale Leute sein müssen, die substituiert werden.
Rainer Schmidt: Die müssen normaler sein, als der Normale. Ich will mal ein Beispiel bilden, das für uns interessant ist, um auch unsere Haltung zu verdeutlichen: wir haben eine Zeitlang eine Akupunkturambulanz betrieben, zwei Stunden am Tag konnte kommen, wer wollte, wurde akupunktiert. Gekommen sind Kokainisten, Heroinisten, Substituierte und Alkis. Die Wirkung dieser Akupunktur war insofern faszinierend, da die Leute von der Droge, derentwillen sie gekommen waren, ablassen oder sie herunterfahren, reduzieren. Sie steigen aber durchaus auf andere um: Alk, Hasch ... . Insgesamt können wir feststellen: denen gelingt plötzlich ein kontrollierterer Umgang mit der Droge, die für sie eine Last ist. Das schliesst nicht aus, dass sie auf andere Konsumformen umsteigen, so wie das in dieser Gesellschaft üblich ist, wie das jeder macht. Und da sind wir bereit zu akzeptieren, das finden wir schlau: Einen Umgang zu finden mit diesen Drogen, der die Lebensorganisation nicht in Frage stellt. Das spielt eine Rolle und deshalb ist es für uns unerheblich, ob jemand Drogen nimmt oder nicht. Erheblich ist, wie jemand mit der Droge umgeht und sich in die Lage versetzt, sein Leben zu gestalten.
Ich wollte noch einmal auf folgenden Punkt zurück: Wie kommt es, dass Apparate und Politik so funktionieren. Mit jeder lächerlichen kleinen Fixerbude, hat die Politik so getan, als ob das Problem gelöst wird. Dieser Eindruck ist in der Öffentlichkeit erweckt worden. Die Projekte, sind von der Politik als scheinbarer Lösungsansatz für das Elend der Leute und die Veränderung der Lage auf der Strasse verkauft worden. Die Substitution musste so herhalten, wobei jeder wusste, man erreicht nur einen bestimmten Teil - auch wenn eine Menge erreicht wurde, aber natürlich nicht all das, was man erreichen wollte oder glaubte erreichen zu können. Bei den Fixerräume war das gleiche Verfahren: die sind als tolles Ding verkauft worden. Ich erinnere daran, dass insbesondere die Hamburger immer darauf verwiesen haben: "Wenn wir denn Fixerräume hätten, was aber bis dato an Bonn scheitert, dann wird sich ganz viel verändern." Ja, dann guckt euch doch die Realität jetzt mit sieben Fixerräumen an. Da ist doch etwas vorgemacht worden, da ist etwas aufgebaut worden. Das gleiche geschieht jetzt mit der Heroinvergabe. Über Jahre ist hier von der Politik der Eindruck erweckt worden, dass mit der kontrollierten Heroinabgabe gravierende Veränderungen kommen, sich alles zum Besseren wenden wird. Nun werden kleine Projekte aufgelegt, gleichzeitig weiss man, dass das nichts bringt. Wenn du was für 300 anbietest, musst du beantworten, was mit den anderen 9700 Leuten wird. Also muss ein Verfahren her, um die Politik erfolgreich erscheinen zu lassen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Repression angezogen werden muss, die Leute müssen weg, das Erscheinungsbild muss sich ändern. Hast du aber keine hilfreichen Angebote für die, musst du sie verdrängen. Diese Logik ist da und um diese Logik zu bedienen, um ein erfolgreiches Bild zu zeichnen, musst du zu Mitteln greifen, die andere Leute in die Verantwortung ziehen, nämlich unter anderem die "Akzeptanz-Leute". Dann wird eben festgestellt, ihr mit euren ganzen Dingern wie Substitution, Fixerräumen, Spritzentausch, ihr habt es doch nicht geschafft! Guckt euch doch an, wie es hier aussieht. Sie bauen einen neuen Buhmann auf, der für das Scheitern verantwortlich ist, und da gerät logischerweise der Akzeptanzansatz, dem es nicht um Zahlen geht, nicht der Clean-Ansatz hinein. Ein Fixerraum ist auch dann gut, wenn nur 5 da sind, wenn wir die nämlich clean kriegen, der fragt nicht danach, was für die dann auf der Strasse ist, der bedient nur seinen eigenen Ansatz und nicht die Verhältnisse.
Krim-Info: Das heisst in der Konsequenz, dass Politik sich ausschliesslich, auf das Symbolische reduziert?
Rainer Schmidt: Richtig, weil sie nicht bereit ist, den Paradigmenwechsel herbeizuführen.
Norbert Dworski: ... auf das Symbolische reduziert auch für die Leute, für die es sich lohnt etwas zu gestalten. Es wurden Idealvorstellungen formuliert, bei denen man sagen kann: "So wären wir selber gerne: intakte Beziehungen, intakter Arbeitsplatz, intakte Wohnverhältnisse, intaktes soziales Umfeld.
Michael Alex: Eigentlich ähnelt das dem Ablauf in Knästen, wo der willige Gefangene die Möglichkeiten hat, und der im System nicht kooperative wird eben liegengelassen.
Krim-Info: Während der Veranstaltung wurde die Frage gestellt, ob die aktuelle Kontroverse zweier Auffassung über die Richtung der Drogenhilfe nicht Folge einer unkritischen Rezeption der Präventionsdiskussion, die in etwa zeitgleich und konkurrierend einsetzte, geschuldet ist. Die Diskussion drogenpräventiver, aidspräventiver Ansätze stellte immer ein ganz zentrales Element dar. Während des Akzept-Kongresses in Hamburg 1993 wurde zugespitzt formuliert, drogenpräventive Ansätze auf dem Müllhaufen der Pädagogik zu entsorgen. Gibt es so etwas wie die "späte Rache der Prävention"? Kehrt sich die unkritische Rezeption des Präventionsbegriffes - zu verhindern, gar nicht erst zuzulassen - zum Hebel gegen einen Ansatz, der Abweichung eben auch als Teil des Normalitätsspektrums begreift?
Rainer Schmidt: Die Prävention hat es bisher nur zu modischen Slogans gebracht. Sie ist wirkungslos, aber es wird Geld hineingesteckt. Fakt ist allerdings auch, dass es vordergründig einleuchtet, zu sagen, wenn einer nicht auf Droge geht: prima. Alles, was dazu beiträgt: prima. Nur weiss kein Mensch, was Prävention eigentlich dazu leistet. Sicher ist, wenn schöne Feste organisiert werden, wo 800 Kids herumlaufen, in Turnhallen oder auf Hüpfburgen und an Wänden hochklettern und Fussballturniere machen, findet man das geil. Nun sagt mir doch mal, was machen die eigentlich an den anderen 364 Tage im Jahr? Da nutzt dieser ganze Slogan nichts. Der Zugang zur Droge ist ein völlig anderer. Das ist einer, der aus dem gemeinsamen Leben entspringt. Da sind Kumpels, da sind Freunde, da sind Beziehungen, da wird probiert, da wird gemacht, da wird experimentiert. Das wird immer so sein. Wenn die Politik in solche Geschichten investiert, die in der Wirkung eigentlich nicht so richtig kalkulierbar sind, dann ist eigentlich auch klar, dass damit auch Druck auf die Hilfesysteme erzeugt wird. Du hast aufgebracht, das ist die "Rache der Prävention". Prävention kann sich schlecht rächen. Man muss eher danach fragen, wie werden welche Aspekte in den Hilfesystemen besetzt, was soll geleistet werden? Die Politik hat dafür zumindest in den letzten Jahren einen Favoriten und investiert in den Schein, um wenig in die Ursachen zu stopfen und etwas "schön" erscheinen zu lassen.
Krim-Info: Es fiel die Bemerkung, dass die drogenpolitische Entwicklung ewig hinterkerhinkt. Unter anderem geht es wohl auch um die Frage anderer Konsumformen, anderer Drogenproblematiken. Nicht das "klassische": Heroin – Koks – Haschisch – Marihuana , sondern wir haben es mit anderen Stoffen zu tun, die neu auf den Markt gekommen sind, die ganz andere Gruppen erreichen, die sehr viel selbstverständlicher unter Schülern bei Parties usw. sind. Wie stellt sich die Situation für die Drogenhilfe dar?
Norbert Dworski: Ich möchte das gar nicht so ausweiten - über die ganzen Ecstasy-, Amphetamine-Geschichten - sondern das am Beispiel der offenen Szenen behandeln: Während aktuell über Heroinvergabe oder Medikamentenstudie nachgedacht wird, beobachten wir in der offenen Szene, dass die Entwicklung zum einen zu völlig anderen Konsumformen hingeht und zum anderen auch zu völlig anderen Stoffen. Vor 10 Jahren gab es noch reine Heroinisten, dann fingen die so vor 8 Jahren an, zunehmend Cocktails - also Heroin/Kokain oder Heroin/Tabletten - zu nehmen und in den letzten 5 Jahren haben wir zunehmend Leute, die sehr viel Kokain intravenös konsumieren und im letzten Jahr haben wir eine massive Freebase- und Crack-Problematik in unseren Einrichtungen, die teilweise 50% unserer Besucher und Besucherinnen umfasst. Also: in der offenen Szene herrscht ein totaler Wechsel.
Diese Stoffe wirken anders als Heroin, führen zu völlig anderen Problematiken, auf die reagiert werden muss. Wir haben vermehrt mit Doppeldiagnosen zu tun, Psychosen, die ausgelöst werden durch massiven Kokain-, Crack- und Freebase-Konsum, verdeckte Psychosen oder Psychosen, die dann überhaupt erst entstehen. Wir haben Paranoia-Zustände, massive Aggressionen, die ausgelöst werden bei den kleinsten Anlässen, z.B. wenn die Musik ein bisschen zu laut ist oder wenn jemand an deinem Stuhl vorbeischrubbt. Das ist an Veränderungen auf der Klientenebene zu spüren. Auf der Mitarbeiterebene ist festzustellen, dass keiner darauf vorbereitet war. Die Leute sind gar nicht fit, auf diese Problematik entsprechend zu reagieren. Sie haben gewisse Techniken nicht drauf. Sie haben keine Möglichkeiten, an weiterführende Einrichtungen bezüglich der psychosozialen Betreuung zu vermitteln. Im Fachausschuss Drogen ist diese Problematik noch gar nicht richtig durchgedrungen. Für Psychose und Sucht - diese Doppeldiagnostik - haben wir in ganz Deutschland nur ein einzige Einrichtung - den Freundeskreis Ochsenzoll - die sich aber hauptsächlich mit Alkoholikern, die gleichzeitig Psychotiker sind, beschäftigt: Ansonsten gibt es hier nichts, es fehlt der Background, in den man weiter vermitteln kann, es fehlt die Möglichkeit vor Ort darauf zu reagieren. Wir haben festgestellt, dass nicht der Stoff alleine bestimmte Reaktionen hervorruft, sondern dass durch bestimmte Settings, durch bestimmte Techniken gesteuert werden kann, bis die Leute aus dieser Phase wieder raus sind und man normal mit ihnen umgehen kann; in diesem ganzen Bereich muss enorm was getan werden. Akupunktur spielt da mit hinein - welche Möglichkeiten es gibt, die Leute wieder in einen Zustand zu versetzen, dass sie "handlebar" sind, andere Massnahmen stehen im Moment nicht an; Substitutionsmöglichkeiten gibt es für diesen Bereich nicht, wir stürzen also mit sehenden Augen in ein riesiges Loch und die Politik reagiert nicht darauf. Geschweige denn irgendwelche Gesetzgeber, die Weichen stellen können oder Geldgeber, die entsprechende Massnahmen einleiten können. Das ist ein Problembereich. Für den Ecstasy-Bereich war auch - z.B. in den Handelsschulen - festgestellt worden, dass man montags, dienstags mit den Schülern überhaupt nichts anfangen kann, weil sie sich das Wochenende über "die Kante gegeben" haben; sie müssen also erstmal die Depressionsphase überwinden und dann kann man mit ihnen wieder normal arbeiten. Durch diesen exzessiven Konsum von Ecstasy, Amphetaminen, Kokain und Heroin - LSD ist auch wieder en vogue - werden, um die Depressionsphase zu überbrücken, Barbiturate und auch Heroin eingesetzt, um nicht in das tiefe Loch zu stürzen. Damit landen die Leute dann wieder bei uns, wir haben es mit Jugendlichen zu tun, wenn sie heroinabhängig oder barbituratabhängig sind, die eigentlich nur Spass haben wollten, die dann plötzlich in der offenen Szene gelandet sind. Das ist nicht voneinander abzutrennen. Da ist mittlerweile auch polyvalenter Gebrauch angesagt. Es gibt sicherlich auch viele, die nur ein, zwei Ecstasy schmeissen, das ist auch nicht weiter wild. Aber diejenigen, die exzessiv die Sachen betreiben, landen über kurz oder lang auch bei den anderen Stoffen und haben auch Verbindung zu den Leuten in der offenen Szene - und zum Strassenverkauf dann eben auch.
Michael Alex: Es gibt zwei weitere Aspekte, die von Interesse sind: Erstens finde ich es sehr bemerkenswert, dass ihr das ja seit einem Jahr beobachtet habt. Das macht deutlich, wie nah die Fixerräume an der Szene sind, wie schnell die solch eine Entwicklung mitkriegen, die woanders noch gar nicht aufgetaucht ist, geschweige denn, dass sich Politik jemals darum gekümmert hat. Wir in diesem höherschwelligen Substitutionsfeld kriegen es jetzt mit. Letzte Woche sind die ersten Andeutungen gekommen. Gestern kamen Anrufe aus Teams, sie müssen sich mit dieser Problematik ganz massiv auseinandersetzen, es geht jetzt los. Und der zweite Aspekt: einerseits macht es deutlich, wie wichtig niedrigschwellige Zugänge zur Szene sind, um Veränderungen und Entwicklungen wahrnehmen zu können und damit umgehen zu können, andererseits zeigt es, dass wir den Problemen hinterherhinken: wir machen gerade jetzt diesen Medizinversuch mit dem Heroin und eigentlich ist in der Szene die nächste Problematik schon längst angelaufen. Kein Mensch setzt sich damit im Augenblick auseinander. Wir haben das in dem Akupunkturprojekt auch erlebt, viele der Kokainkonsumenten, die da rein kommen - also 40% der Leute - waren nirgends im Hilfesystemen angebunden; nach dem Beginn der Akupunkturbehandlung kam sehr häufig die Frage: "Kann ich nicht ein bisschen mehr machen? - Kann ich nicht irgendwo Gespräche haben?" Und da gibt es nichts.
Rainer Schmidt: Wir können nicht, es gibt kein Geld. Das wird nicht finanziert.
Norbert Dworski: Trotzdem müssen wir auf diese Entwicklungen reagieren. Ich denke, besonders im Bereich der Jugendlichen, die über Ecstasy und Party-Geschehen jetzt in schwerwiegendere Problematiken hineingeraten. Wenn sie, um wieder runterzukommen, häufiger Heroin nehmen, ist an fünf Fingern abzuzählen, bis sie auch in diesem Kreislauf drin sind. Da muss natürlich dringend etwas unternommen werden.
Rainer Schmidt: Wir haben ein weiteres Dilemma dabei, weil die Politik sich nicht darum kümmert, obwohl wir oft genug darauf hingewiesen haben, wo die Probleme liegen. Wir haben von daher eigentlich ein Interesse, dass diese Problematik öffentlich wird, damit reagiert wird. Gehen wir das Thema Crack an, dann weiss jeder, wie hier Medien agieren. Das ist ein echtes Problem für uns. Wir nutzen schon die Öffentlichkeit dafür. Wir müssen gleichzeitig aber unheimlich aufpassen, dass wir nicht die Vorlagen für einen Populismus, für ein wildes Geschrei und für die nächsten Horrorszenarien bringen. Genauso ist es bei den anderen Drogen. Man muss einen Weg finden, wie man offen und tabufrei diskutieren kann. Es wäre natürlich am hilfreichsten, wenn die Politik das sachlich aufgreifen würde. Kommen wir mit den Stories, so sieht es auf der Szene aus, dann weiss ich jetzt schon, wie die Bild-Zeitungsschlagzeile aussieht.
Norbert Dworski: Vor allem lässt sich viel steuern, das stellen wir fest. Wir versuchen unsere Leute mit Crash-Kursen möglichst fit zu machen, ihnen neue Techniken zu vermitteln wie talking-downs usw. und auch Settings zu schaffen. Wir stellen nämlich fest, dass in einer Einrichtung in Billstedt, die etwa von 30-50 Leuten pro Tag frequentiert wird: wenn da so ein durchgeknallter Kokainist oder Crack-Typ auftaucht und plötzlich meint, mit der Zahnbürste den ganzen Bus putzen zu müssen, und durch die Scheiben nach Verfolgern suchen zu müssen, verpufft das da verhältnismässig bis er aus der Phase wieder raus ist. Das kann also durchaus sehr gut aufgefangen werden, da kann auf die einzelnen sehr gut eingegangen werden. Während in solchen grossen Dingern wie Fixstern oder Drob-Inn die Eskalation vorprogrammiert ist. Der "In-Put" ist bei diesen Leuten 10-fach verstärkt ist, das geringste Geräusch, oder die geringste vermeintliche Anfeindung genügt, um einen Ausbruch hervorzurufen, der so weit geht, dass jemand plötzlich versucht, einem Mitarbeiter oder einem anderen Klienten einen Stuhl über den Schädel zu hauen. In den letzten 3 Monaten ist uns dreimal mit Steinen die Scheibe eingeworfen worden. Da sind einige durch Glassplitter verletzt worden, das hat schon enorme Auswirkungen. Wir müssen einfach sehen, ob diese Settings andere Möglichkeiten schaffen, damit das alles ein bisschen heruntergefahren wird. Aber es ist keineswegs so, wie es teilweise in der Medienberichterstattung dargestellt wird: Crack ist gleich Wahnsinn, um alles auf eine dramatische Schiene zu bringen. Es läuft hier anders ab - selbst in der offenen Szene ist es noch steuerbar.
Rainer Schmidt: Diese neuen Verhaltensweisen, diese neuen Konsummuster, bei denen wir nicht genau wissen wie mit ihnen umzugehen ist, fordern qualifizierte Leute. Der Trend geht aber genau in entgegengesetzte Richtung; nach Möglichkeit wird geraten, das mit Studenten zu machen, die diesen Situationen überhaupt nicht gerecht werden. Wir haben aktuell ein Konsumverhalten auf der Szene und in den Fixerräumen, wo man hochqualifiziertes Personal braucht, das in der Lage ist, mit dieser Situation umzugehen. Da ist mehr gefordert als sich über einen Crash-Kurs der VHS fit zu machen. Der Trend in der Politik ist genau der entgegengesetzte, es ist jetzt schon vorherzusagen, dass da nicht nur Gehaspel ist, sondern hier werden sich Dramen abspielen. Diese Dinge werden aktuell schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Es wird erst wieder etwas passieren, wenn tatsächlich diese Horror-Stories herumgehen, einer unter Crack haut die Oma um. Dann kommen die hektischen Reaktionen.
Norbert Dworski: Selbst die Polizei ist schwer beeindruckt durch diese ganzen Geschichten. Wir haben neulich eine durchgeknallte Frau, 165 gross, die in ihrer Psychose und in ihrem Crack-Wahn mit Spritzen in der Hand völlig abdrehte, durch drei Polizisten nicht gebändigt bekommen. Als sie sie dann endlich soweit hatten, standen sie da und fragten, was sollen wir jetzt mit ihr? Okay, sie ist jetzt nicht mehr gemeingefährlich, aber die bekommst du nirgends untergebracht. Selbst mit ärztlicher Einweisung sagt das AKO: "Vielen Dank, die wollen wir hier lieber doch nicht haben." Es laufen hier zeitweise wirklich wandelnde Zeitbomben auf den Strassen herum.
Rainer Schmidt: Crack ist nicht dieses Bild, aber das sind die Episoden, die im Tagesablauf vorkommen und das hervorbringen, und die sind nicht ohne. Nicht nur in der Praxis, sondern es hängt bei dieser Medienlandschaft auch immer die Öffentlichkeit mit drin.
Krim-Info: In der Jugendhilfe wurde bis vor einigen Jahren eine intensive Diskussion über die Arbeit mit drogenkonsumierenden Jugendlichen geführt. Zwei Grundgedanken waren leitend: die Nichtausgrenzung von auch Drogen konsumierender junger Menschen in der Arbeit und die Vermeidung des Wechsels der "Zuständigkeit", nur weil ein neues Problem identifiziert wurde. Es bestand ein durchaus intensiver Austausch und die spezifischen "Zuständigkeitsgrenzen" wurden überschritten. Wie ist die Haltung der Profis beider "Lager" gegenüber dem Thema "Jugendliche und Drogen" heute?
Rainer Schmidt: Wo das natürlich immer wieder deutlich auftaucht, sind die Jugendwohnungen. Die Frage ist, wie wird damit umgegangen. Wir hatten Einrichtungen, die sagten, das macht keinen Sinn, sie vor die Tür zu setzen, wir müssen damit leben. Und die dann über Hausregelungen versucht haben bestimmte Formen zuzulassen. Nicht in dem Sinn, dass es dort exzessiv passiert, es sind daraus keine Fixerstuben o.ä. geworden. Das ist geduldet worden. Und dann taucht natürlich immer die Frage auf, wo ziehen wir die Grenzen und das ist schwierig. Das hängt auch davon ab, was ist das für eine Kombination von Leuten? Ist es nur einer, sind sie alle so drauf, da ist ein unterschiedliches Handling gefragt. Solche Geschichten hat es gegeben. Die sind natürlich regelmässig unter Druck geraten, weil es z.T. auch staatliche Träger waren. Wir hatten damals auch die Situation, dass Jugendeinrichtungen in Barmbek ein neues Haus gebaut hatten und für die Betroffenen auch Fixerräume vorgesehen hatten, damit die Leute sich dort eine Druck setzen können. Es ist nie wieder darüber geredet worden, inwieweit das stattfindet oder nicht. Weil immer in diesen Bereichen eine Doppelproblematik da ist: einmal die Droge und zum zweiten der Jugendliche. Eine ähnliche Problematik wie wir sie auch in den Fixerräumen erlebt haben und mit der man auch sensibel umgehen kann. Das sind nie Themen gewesen, die öffentlich diskutiert worden sind. Insofern ist auch der Überblick da ganz schwierig. Fakt ist aber, ob man in einem Jugendhaus oder einer anderen Einrichtung ist, die haben alle immer mit diesen Problematiken zu tun. Sie achten darauf: möglichst nicht in unseren Räumen! Jugendliche werden immer ausgeschlossen. Da hat sich nicht gross was bewegt, das ist mehr Hilflosigkeit als Konzeption.
Norbert Dworski: Dass diese Jugendwohnungen mittlerweile nicht mehr betrieben werden, das ist ja bekannt. Dass selbst Spritzentausch in Jugendeinrichtungen nicht erlaubt ist, ist bekannt. Die Diskussion verläuft im Moment ziemlich hilflos, aber wird doch geführt, insbesondere über Veranstaltungen im Rauhes Haus, über Einrichtungen, die besonders betroffen sind: Café Sperrgebiet, Basis-Projekt usw. Es sind da eigentlich alle ziemlich abgefrühstückt, da selbst die zartesten Ansätze wieder eingestellt worden sind. Trotzdem: dringender Handlungsbedarf ist auch in diesem Bereich. Das wäre ja auch unter Prävention zu verstehen, es bestehen ja auch verschiedene Präventionsansätze, um eine Schadensminimierung in dem Bereich zu erreichen und nicht erst abzuwarten bis die 4, 5, 6 Jahre verstrichen sind, bis die Leute dann tatsächlich in der offenen Szene landen oder bei uns auflaufen, wenn wirklich nichts mehr geht.
Krim-Info: Eine abschliessende Frage zu einem weiteren neuralgischen Punkt, den Schmidt-Semisch "das verrufene Gewerbe" nennt: Stoffanalyse, Stoffqualität, zu wissen, was ziehe ich mir eigentlich rein, was lieber nicht? Es ist allgemein bekannt, in Holland kooperieren Drogenhilfeeinrichtungen nicht nur unter pragmatischen Aspekten mit Dealern: Hier wird etwas verkauft, was einen Qualitätsstandard haben muss. Ist dies ein Erfordernis, den Bereich des Handels, des Verkaufes in die Entkriminalisierungs-und Legalisierungsdiskussion ebenso hineinzunehmen wie den Gebraucher selber?
Rainer Schmidt:Legalisierung heisst, da wird legal gehandelt und legal konsumiert.
Norbert Dworski: Man kann den Handel nicht ausblenden, das ist eine künstliches Trennung.
Rainer Schmidt: Hast du illegale Verhältnisse, wirst du konfrontiert mit der Sichtweise der Politik, die sagt: Handel ist schlecht, der Dealer ist der Fiese und der, der konsumiert, der bedient wird mit dem Produkt, das ist der Kranke, so ist das Weltbild. So ist die Situation auch in den Quartieren, zumindest gilt das für die Schanze und z.T. auch für St. Georg: wo es Konsum gibt, da gibt es auch Handel. Lasst uns hier nicht die Leute jagen, lasst uns das organisieren. Lasst es uns so machen, dass es nicht zur Last in der Bevölkerung wird. Da jagt der Bulle hinter dem Dealer her, hinter beiden der Konsument. Das muss organisiert werden und hier geistert ein Gespenst: d.h. Zürich, Platzspitz und Redden. Alle Versuche, die wir gemacht haben - auch mit der Polizei - zu sagen, lasst uns doch mal überlegen, wie kriegt man das kontrolliert hin, scheitert an diesem Bild. Und dessen bedient man sich ganz gerne, weil man dann nicht an die Problematik heran muss. Ich bin der Überzeugung, wenn du eine Börse zulassen würdest, die es ja sowieso überall gibt und dafür sorgen würdest, dass die Polizei in Uniformen da durchläuft, aber nicht den Händler abgreift oder den Konsumenten, sondern nur darauf achtet, dass es dort nicht zu Aggressionen kommt, dann hätte man schon viel gewonnen. Nur: da sperrt sich der Legalitätsanspruch und das -denken dagegen.
Michael Alex: Auf der bescheidenen Ebene hat Norbert das ja schon mit den Stoffanalysen, die der Fixstern gemacht hat erlebt. Die Stadt war immer begeistert, dass sie die Daten hatte, wenn es darum ging, dass sie die Hamburger Szene und die Bremer Szene vergleichen konnte. Da war es immer sehr schön, dass man wenigstens ein bisschen Material hatte. Gleichzeitig kommt aus der gleichen Behörde ein Schreiben gegen welche Straftatbestände verstossen wird, wenn man den Stoff analysiert. Ganz brutal ist ja, dass es eine Fundunterschlagung war, und man den Stoff dem Verlierer nicht zurückgegeben hat.
Rainer Schmidt: Wenn die in Fragen des Ausbaus des Drogenhilfesystems so erfinderisch wären, wie in diesen Fragen, dann wäre man ein gutes Stück weiter.
Norbert Dworski: Dabei sind die Ergebnisse schockierend: die übersteigen bei weitem das, was immer angenommen worden ist; die Stoffqualität liegt im Schnitt bei zwischen 20 und 30 % Kokainanteil. Die Spannweite liegt von über 0% Kokainanteil bis zu 90% fast 100% Kokainanteil, die Spannweite ist wirklich gewaltig und das sind valide Ergebnisse, die wir da bekommen haben. Man weiss ja, dass eine Schwankungsspanne von 20% für den User bereits letal sein kann. Jemand, der eine Zeit lang 30%-iges Heroin im Strassenverkauf bekommt, dann plötzlich 60%-iges, der ist auf der Stelle an einer Überdosis "fällig", wenn er nicht besonders stabil ist. Es wäre schon erforderlich, darüber mehr Auskünfte zu bekommen. Diese Geschichten sprechen sich auf der Szene aber auch ungeheuer schnell herum. Die User wissen, woher der Stoff kommt, der analysiert worden ist und können wiederum Druck auf ihre Dealer ausüben. Dealer neigen auch dazu, vorsichtig mit dem Stoff umzugehen, sie wissen ja z.T. auch nicht, wie gestreckt der Stoff ist und machen dann wieder an ihre Hintermänner Druck, um eine bestimmte Qualität zu gewährleisten. Das Spiel würde also funktionieren können. Ideal wäre natürlich, wenn man direkt vor Ort - man braucht nur winzigste Mengen - einen Chromatographen hätte, wo man das Ergebnis bekäme. Solche Analysemethoden gibt es aber nicht, sie sind nicht finanzierbar. Beimengungen von denen immer wieder in der Presse die Rede war - Strychnin z.B. - wurden nie gefunden. Diese Gerüchte haben sich aber immer gehalten.
Michael Alex: Dann ist der nächste Schritt nur noch konsequent: dass du dann nur einen Deal zulässt, wo du mit Gewährleistungsansprüchen operieren kannst.
Rainer Schmidt: Kein Mensch würde auf die Idee kommen, eine Kneipe aufzumachen und das Bier musst du woanders holen.
Das Gespräch führten Ines Woynar und Lutz Krätzschmar
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