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"Er hat die ganze Zeit nur gespielt"
Der Mordprozess gegen den 13-jährigen Nathaniel Abraham hat auch in den USA Unbehagen hervorgerufen
Von Dietmar Ostermann (Washington)
Als die Staatsanwältin das Schlusswort hielt, malte er Supermann-Bilder in einen Block. Unter dem Stuhl baumelten die Füße in Tennisschuhen. In den Tagen zuvor war Nathaniel Abraham auch mal in weißen Socken und Latschen in den Gerichtssaal geschlurft; die Verteidigung fand das angemessener als das steife Hemd mit Krawatte und Sakko, das er bei früheren Terminen trug. Lieber präsentierte Staranwalt Geoffrey Fieger seinen Mandanten im Bezirksgericht von Oakland County als das, was er seiner Meinung nach ist: ein Kind.
Daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben. Nathaniel Abraham ist 13 Jahre alt. Wenn man die Fußfesseln wegdenkt, sieht er ein bisschen aus wie die Nachbarsjungen in der Bill Cosby Show. Zuweilen, hat die Reporterin Lory Brassier von der Detroit Free Press beobachtet, schaut er drein, als habe er den letzten Witz nicht verstanden. Zum Lachen aber ist in diesem Fall niemandem zu Mute. Im Oktober 1997 war Nathaniel Abraham verhaftet worden, nachdem der damals Elfjährige in Pontiac einem zufälligen Passanten in den Kopf geschossen hatte. Seither sitzt er in einem Jugendgefängnis bei Detroit und ist um zehn Zentimeter gewachsen. Der Prozess hatte sich verzögert, weil das in Michigan vor zwei Jahren reformierte Jugendstrafrecht erst noch auf seine Verfassungsmäßigkeit abgeklopft werden musste. Der neue Kodex hat das Alter, von dem an Delinquenten in dem US-Bundesstaat vor Gericht wie Erwachsene behandelt werden können, von 16 auf 14 Jahre gesenkt. In besonderen Fällen gilt überhaupt keine Begrenzung.
Nathaniel Abraham ist so ein Fall. Für die Geschworenen, die am gestrigen Freitag über sein Schicksal zu entscheiden hatten, war der halbwüchsige Junge mit den schmalen Schultern ein gestandener Mann. So jedenfalls wollen es die Paragraphen. Vielleicht sei es schwierig, einen so jungen Menschen zu verurteilen, aber das sei "völlig im Rahmen des Gesetzes", hatte Staatsanwältin Lisa Halushka das Gewissen der Jury in ihrem Plädoyer beruhigt. Der Angeklagte habe absichtlich ein Leben ausgelöscht: "Ignorieren wir solche Fakten und das Gesetz, nur wegen des Alters der Person?" Anders als der Fall Raoul Wüthrich, der in Europa für einen Aufschrei sorgte, auf der anderen Seite des Atlantiks aber kaum Beachtung fand, hat der Prozess gegen Nathaniel Abraham auch in den USA Schlagzeilen produziert. Der Junge aus einem schwarzen Vorort der Autostadt Detroit gilt als der mutmaßlich jüngste Angeklagte, der sich je in den USA wegen Mordes vor Gericht verantworten musste. Seine Geschichte macht klar, in welche Grauzone die zunehmend verschärfte Kindgerichtsbarkeit in den USA inzwischen vorgestoßen ist und sie steht gleichermaßen für das Versagen einer Gesellschaft, die die Dinge allzu oft treiben lässt, bis es zu spät ist.
Bevor Nathaniel Abraham am 29. Oktober 1997 mit einem geklauten Revolver loszog, um die Langeweile und vielleicht auch einen Menschen totzuschießen, war er rund zwei Dutzend Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Mal hat er Klassenkameraden bedroht und verprügelt, mal irgendwo eingebrochen, mal Autos geknackt. Der Vater hatte sich früh davongemacht, die Mutter schob Nachtschichten, von sieben Uhr abends bis drei Uhr früh. Als Vorbild galt der ältere Bruder. Auch der sitzt wegen diverser Gewaltdelikte im Knast. Zweimal hat die Mutter ihren jüngsten Sohn in so genannte Besserungsprogramme geschickt, dann haben die Behörden auf ihre Hilferufe nicht mehr reagiert. "Das System hat versagt", hat der Chefstaatsanwalt von Oakland County, David Gorcyca, vor Gericht eingeräumt und sich bei der Frau dafür entschuldigt, dass ihr niemand zur Seite stand, als sie es brauchte: "Offensichtlich haben eine Reihe von Behörden den Jungen einfach fallen gelassen."
Eine Woche vor dem tödlichen Schuss prügelt Nathaniel Abraham mit einem Metallrohr auf zwei jüngere Schüler ein. Dann klaut er einen Revolver, was kein Problem ist und niemanden stört. Tagelang zieht er durch die Gegend, die nicht zu den besseren in Pontiac zählt, ballert auf Laternen, Sträucher und was sich sonst findet. Ein 16-Jähriger ist dabei, als er auf einem Garagenhof Kugeln in die Wände jagt. "Das war halt irgendwas, das man nicht oft zu sehen bekommt", ließ der Kumpel im Zeugenstand wissen. Auf der heimischen Veranda setzt Nathaniel Abraham einen Teddybären auf die Brüstung und schießt ihn herunter. Ein Nachbar gibt dem Elfjährigen über den Gartenzaun den Tipp, mit dem Revolver besser vorsichtig zu sein. Und lässt es dabei bewenden. Kurz darauf trifft eine Kugel den 18jährigen Ronnie Greene, als der Teenager mit zwei Freunden aus einem Geschäft tritt, und alle sind entsetzt.
Die Verteidigung hat das als tragischen Zufall gewertet; "Nate" habe lediglich auf Bäume gezielt. Für die Anklage war der Schuss aus dem 30 Jahre alten Revolver, aus einer Entfernung von 60 bis 100 Meter abgegeben, hingegen kaltblütig geplanter Mord. Nathaniel habe einer Freundin erzählt, er werde einen Menschen töten, und mit dem Vollzug geprahlt.
Sechs Sachverständige haben versucht, herauszufinden, was im Kopf des Schützen tatsächlich vor sich ging - und ob ein Elfjähriger, dem einhellig schwere Entwicklungsstörungen, geringe Intelligenz und zur Tatzeit das geistige Vermögen eines Achtjährigen bescheinigt wird, einen Mord überhaupt planen kann. "Er hat die ganze Zeit gespielt", glaubt die Kinderpsychologin Kathleen Sullivan. Auch ihr Kollege Michael Bramsky hält es für "naiv zu glauben, dass Kinder kleine Erwachsene sind". Beide hatten den Jungen für die Verteidigung begutachtet. Nathaniel habe durchaus gewusst, was er tat, versicherte hingegen die von der Anklage hinzugezogene Psychologin Lynne Schwartz: "Er wusste, wozu Kugeln da sind. Er hat die Waffe geladen. Er hat geschossen." Auch Kinder könnten ihre Handlungen planen. Ein Motiv freilich konnte auch sie nicht erkennen.
Nicht nur deshalb ist es für Nathaniels Anwalt Fieger "absurd", seinen Mandanten, der weder ein Auto fahren, noch Zigaretten und Alkohol kaufen oder etwa den Präsidenten wählen darf, ausgerechnet vor Gericht wie einen Volljährigen zu behandeln. Auf einem Fragebogen habe Nathaniel bei Rasse ja", bei Geschlecht (sex) "nein" und bei Geburtsort "Hospital" angegeben. "Was soll das?" fragt Fieger. Für ihn stimmen die Geschworenen nicht nur über Nathaniel Abraham ab, sondern auch über das reformierte Jugendstrafrecht und darüber, "ob wir wie zivilisierte Menschen handeln" oder nicht.
Auch Richter Eugene Moore hatte Zweifel, ob der Junge beim Verhörnach der Festnahme seine ihm vorgehaltenen Rechte überhaupt verstehen konnte. Im Mai hatte Moore den Fall daher aus formalen Gründen zunächst abgewiesen, bevor ein Berufungsgericht die Sache zurück auf seinen Schreibtisch schob. Nun muss er ein Strafmaß festsetzen, sobald die Jury sich über Schuld oder Unschuld einigt, was am Freitag zunächst noch ausstand. Bei einem Schuldspruch lässt das Gesetz dann ein letztes Schlupfloch, um aus dem Scheinerwachsenen Nathaniel Abraham doch wieder ein 13jähriges Kind zu machen.
Richter Moore könnte etwa eine Jugendstrafe verhängen und eine Wiederaufnahme des Verfahrens anordnen, sobald der Junge 21 Jahre alt ist. Dem nächsten Richter würde dann zumindest ein Angeklagter gegenübersitzen, der mit den Füßen auf den Boden reicht.
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