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Sebastian Scheerer (20.4.1999)
Der neue Krieg und die neue Kriminologie
Die alte Kriminologie besaß ein mäßiges Interesse an der Politik, der sie zwar dienen, die sie aber nie analysieren wollte. Die neue Kriminologie poliert ihre Theorien ohne Täter, ohne
Warum-Fragen und ohne objektivistischen Rest. Nur an ihrem Rand gibt es welche, die sich für die Kriminalität der Mächtigen oder die Makrokriminalität (H. Jäger) interessieren. Sie kommen sich selbst manchmal etwas komisch vor. Denn auch sie wissen: selbst wenn wir etws von Gewalt verstehen, so sind wir doch eher zuständig für die Gewalt in der Familie als auf dem entfernten Amselfeld. Doch wenn das so weitergeht, wird man die Kriminologie bald vergeblich in den Vorlesungsverzeichnissen suchen. Denn die Welt verändert sich, während die Kriminologie stagniert, ignoriert und dementiert.
Kriminalität gibt es auch im Krieg, und auch Krieg kann ein Verbrechen sein. Die binäre Codierung spielt im Kriegsdiskurs eine ganz ähnliche Rolle wie in dem der Kriminalität: Täter und Opfer, Freund und Feind, Offensive und Defensive, Schuld und Unschuld, Gut und Böse, dazwischen nichts, dahinter ein manichäisches Weltbild. Kriminalität und Krieg gehören also jedenfalls zu ein und demselben symbolischen Universum.
Auch deshalb, weil Soldat wie Verbrecher einen master-status verleiht, dem alle anderen Statusmerkmale untergeordnet sind (H.S. Becker).
Während die Kriminologie sich (bestenfalls) mit herkömmlicher Kriminalität befaßt und die Entmoralisierung der Kriminalpolitik auf nationaler Ebene entdeckt (actuarial justice), etabliert sich längst eine andere globale Realität. Nürnberg schien lange ein Unikum ohne Präzedenzwirkung. Aber inzwischen tagen internationale Tribunale für die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda. Bald gibt es einen ständigen internationalen Strafgerichtshof, der ganze Regierungen, einzelne Staatschefs und andere untouchables des 20. Jahrhunderts vor seine Schranken laden und bestrafen wird. Das 21. Jahrhundert kennt die herkömmliche Kriminalität nur noch als Routineangelegenheit von lokalem Interesse; die großen moralischen Dramen werden auf der globalen Strafrechtsbühne stattfinden - und manche werden die wahren Täter zu Beginn des nächsten Jahrhunderts auf den Richterbänken der globalen Justiz vermuten, so wie Karl Liebknecht sie ein Jahrhundert zuvor auf den Richterbänken der nationalen erblickte.
Wir sind gewohnt, Kriminalität als Teil des abweichenden Verhaltena zu begreifen. Makrokriminalität aber ist häufig konformes Verhalten ganz normaler Bürger ohne traumatisierende
Kindheitserfahrungen oder extreme Restriktionen ökonomischer Unterprivilegierung, ist Kriminalität aus Gehorsam, nicht aus Armut, Psychopathie oder Dissozialität. Wir sind gewohnt,
besonders schlimme Verbrechen mit besonders abweichenden Bedingungen oder Dispositionen zu erklären - doch in der Makrokriminalität gilt ein anderes Gesetz: je größer die Dimension des Verbrechens und je größer der angerichtete Schaden, desto geringer die dafür erforderliche Besonderheit,
kriminelle Energie, Bosheit oder auch nur individuelle Anstrengung der Täter und ihrer Helfer.
Die meisten unserer Theorien blamieren sich angesichts der Tatsache, daß es viel leichter ist, zum Täter von Großverbrechen zu werden, als einer alten Frau eine Handtasche zu entreißen. Die
Kriminalitätstheorie der Zukunft? Vielleicht das Milgram-Experiment. Ihr Buch der Bücher? Vielleicht Christopher Brownings kleines Fischer-Taschenbuch über die ganz normalen Männer des Hamburger Polizeibataillons
101 oder Herbert Jägers Verbrechen unter totalitärer Herrschaft.
Es gibt einen Weg vom Verbrechen zum Krieg wie es einen Weg vom Krieg zum Verbrechen gibt. Wenn es der einen kriegführenden Partei gelingt, die öffentliche Identität des Gegners, des
Verhandlungspartners, des militärischen Feindes in die eines Verbrechers zu transformieren, hat sie gewonnen. Die Bedingungen für erfolgreiche Degradierungszeremonien (H. Garfinkel) sind im Grundzug dieselben. Die berühmte "öffentliche Meinung" ist unverzichtbare Ressource. Unterstützung wird herbeimanipuliert. Aber es genügt, bei genügender Entschlossenheit, die Passivität der bystanders,
der heute auch schon manchmal lieblos als Gaffer bezeichneten Zuschauer aus dem Publikum. Kitty Genovese wurde vergewaltigt und ermordet. Die Tat dauerte. Im Hof einer New Yorker Wohnsiedlung.
38 Augen- und Ohrenzeugen schritten nicht ein. So wie die Zuschauer in Rostock-Lichtenhagen (Beifall für die Täter) oder die vielen good people unter den Deutschen, die seinerzeit von nichts etwas gewußt und gemerkt hatten (wollten). Good people begehen keine Verbrechen, sie lassen sie geschehen. Aber ohne ihr Wegsehen-Wollen, ohne ihr Na-Ja-Gefühl des Irgendwie-Mußte-Das-Wohl-Mal-Passieren oder Was-Hab-Ich-Damit-Zu-Tun wäre das dirty work der
Täter (E. Hughes) unmöglich (gewesen).
Wer tut das dirty work und wer sind die good people im Kosovo? Außenminister sagen: das dirty work tun die serbischen Waffenträger. Vertreibung, Tod, ein neues Auschwitz. Die good people,
ohne deren (schuldbeladenes) Gutmenschentum diese Menschheitsverbrechen nicht begangen werden könnten, sind vielleicht nicht die deutschen Kriegsgegner, wohl aber die serbischen Protestierer, die heute noch mit
papierenen, mit dem Wort TARGET beschriebenen Zielscheiben, die sie sich (und häufig auch ihren Kindern) an die Brust heften, in ähnlicher Weise schon einmal ihre Selbststilisierung als Opfer betreiben wie die
Deutschen der Nachkriegszeit mit all ihrem Wehklagen und ihrer Verdrängung der Verantwortung ihres eigenen Führers, den sie, sagen wir mal, zumindest hinreichend anhimmelten, um ihrer Unschuld verlustig zu gehen. In
der Unfähigkeit zu trauern (A. & M. Mitscherlich) steht es drastischer. Eine serbo-kroatische Auflage wäre zu wünschen.
Und wie steht es mit uns? Diese Lektion haben wir doch immerhin gelernt. Nie wieder schuldig werden durch Wegsehen und Nicht-Intervenieren. Bosnien und Ruanda waren eine letzte Warnung. Vom Recht mag das nicht gerade gedeckt sein, aber politisch und moralisch ist das völlig gerechtfertigt. Sagen die, die das Sagen haben.
Im Zwei-Plus-Vier-Vertrag steht allerdings, daß "das vereinte Deutschland keine seiner Waffen jemals einsetzen wird, es sei denn in Übereinstimmung mit seiner Verfassung und der Charta der
Vereinten Nationen." Die Verfassung verbietet den Kosovo-Einsatz, ein UNO-Mandat gibt es nicht.
Der Bundeskanzler hat zu Beginn der Bombenangriffe erklärt: wir führen keinen Krieg. Jetzt wissen wir es wieder: das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Denn was Deutschland da
mitmacht, ist ein Angriffskrieg und damit ein vielleicht nobel motiviertes Verbrechen, ein Verbrechen von Überzeugungstätern, aber eben ein Verbrechen. Nach deutschem Recht und internationalem. Einen gerechten
Krieg, einen Krieg gar als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, weil die Gegner sonst nichts unterschreiben würden, so etwas, habe ich zeit meines Lebens gelernt und verinnerlicht (Jahrgang 1950), gibt es
nicht. Der Ernstfall ist der Frieden. (Franz-Josef Strauß: Die Hand soll verdorren, die jemals wieder eine Waffe anfaßt. SPD: Keine Wiederbewaffnung, keine Bundeswehr - na ja, dann eben doch. Die Grünen: Raus aus
der NATO - oder doch zumindest keine Out of Area Einsätze.) Das schien das oberste Prinzip.
Das Motiv radiert die Tat nicht aus. Was die NATO tut, dürfte das nicht auch China zugunsten der indonesischen Chinesen, der Irak zugunsten der anatolischen Kurden, der Iran zugunsten der
nordirakischen Kurden und der südirakischen Schiiten .... tun? Die "humanitäre Katastrophe", die da abgewendet werden soll, wird faktisch wohl erst vertieft und verallgemeinert. Krieg aller gegen alle.
Vielleicht muß die UNO-Charta geändert werden, um das Veto autoritärer Sonderinteressen irrelevant zu machen. Eine neue UNO mit rudimentären Weltstaatsfunktionen und einer handlungsfähigen
Exekutive, um Schurken wie den auf dem Balkan (und viele andere) an Makroverbrechen zu hindern, ohne selbst solche begehen und damit das Übel, das man bekämpft, vergrößern und auf Dauer stellen zu müssen? Vielleicht hatte der späte Karl Jaspers einen Punkt. Vielleicht.
Derzeit verhält sich die NATO wie der Kleinkriminelle, der ja auch in aller Regel versucht, seine eigenen Gewissensbisse (mittels der fünf von Sykes und Matza beschriebenen Neutralisationstechniken) zu beruhigen. Man will ja beides: weiter an den Wert des Privateigentums glauben und trotzdem stehlen. Die Regierenden, so scheint mir, lernen das leichter als die Studierenden.
Die Hast, mit der gegenwärtig allüberall in Deutschland Prinzipien umgestoßen werden (wie einst die Marx- und Lenin-Denkmäler im Herbst 1989) verheißt nichts Gutes. Dieselbe Hektik und
Investitionsbereitschaft hätte ich mir für eine friedliche Einbürgerung des Balkans (in die EU oder eine turko-balkanische EU zwo) gewünscht.
Carl Schmitt hatte 1934 die NS-Morde mit dem schlichten Satz gerechtfertigt: Der Führer schützt das Recht. Heute finden sich Juristen für den Satz: Die NATO schützt das Recht. Das besagt nichts. Der Schein des Rechts ist leicht zu kaufen. Warum weicht man dann nicht gleich auf den amerikanischen Slogan Right or wrong - my country aus?
Den würden doch auch die Serben unterschreiben.
Prof. Sebastian Scheerer ist Kriminologe am Aufbau- und Kontaktstudium der Universität Hamburg
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