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Von den Amerikanern lernen?
Wieder einmal stellt der SPIEGEL diese Frage, diesmal in Heft 12/99 unter der Überschrift “Angriff auf die bösen Jungs” in einem Bericht über “neue, harte Methoden”, die in Glen Mills in Pennsylvania angewandt werden, “um den Gewalttätern die Regeln fürs normale Leben beizubringen”.
Dazu - wieder einmal - ein Leserbrief, der nicht im SPIEGEL abgedruckt wurde.
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Leserbrief zum Artikel "Angriff auf die bösen Jungs" im Spiegel 12/99
"Vorbild für Deutschland?" so fragt der Spiegel wieder einmal wie schon vor zwei Jahren, als es um das "New Yorker Modell" ging. Diesmal geht es um die Glen Mills Schools im US-Staat Pennsylvania.
In immer gleicher Spiegelmanier wird wieder einmal zu einem Rundschlag ausgeholt, der von der - längst nicht mehr unumstrittenen - Dramatisierung der Jugendgewalt über spektakuläre Einzelfälle, eingestreute ( und leider nicht immer zutreffende ) Zitate von Fachleuten bis zur pauschalen Diskriminierung der gesamten Jugendhilfe und Jugendstrafrechtspflege reicht. Es ist wirklich für jeden etwas dabei und das Fatale ist, daß manches stimmt. Über ein Projekt zu berichten, das von einer grundlegend positiven Einstellung gegenüber seinen Jugendlichen ausgeht - eine Einstellung, die eindeutig zu den vorbildlichen Aspekten von Glen Mills zählt - und daneben von "kleinen Monstern" oder "kleinen Arschlöchern" zu schreiben, das findet man so nur im Spiegel. Ein Leserbrief reicht sicher nicht, um sich mit dem Gesamtgemisch dieses Artikels auseinanderzusetzen. Deshalb zunächst nur ein paar Klarstellungen - auch im persönlichen Interesse:
- Der Spiegel, der ihn doch immerhin zitiert, kennt offenbar nicht die Ergebnisse der von Prof. Pfeiffer durchgeführten Schülerbefragungen, vorgestellt auf dem 24. Deutschen Jugendgerichtstag im September letzten Jahres in Hamburg. Danach steht einer quantitativen Zunahme der Jugendgewalt eine qualitative Abnahme gegenüber und ist der - in der PKS - registrierte Anstieg nicht zuletzt auf eine Zunahme der Anzeigebereitschaft zurückzuführen. In Hamburg haben wir übrigens zwischenzeitlich rückläufige Zahlen auch in der PKS (Polizeilichen Kriminalstatistik).
- Zwischen Jugendknast, Glen Mills und einer Jugendhilfe, "wahrscheinlich ein Sauhaufen", "desorganisiert" und "verbissen an den Erziehungsidealen der siebziger Jahre festhaltend", gibt es eine Menge mehr, was der Spiegel nicht zur Kenntnis nehmen mag: beispielsweise Diversionsprojekte und soziale Trainingskurse, in denen durchaus erfolgreich auch mit problematischen Jugendlichen gearbeitet wird. Deren Rückfallquoten sehen auch gegenüber denen von Glen Mills nicht so schlecht aus. Ein Projekt wie Glen Mills zeigt überdies, daß - wie Experten schon lange fordern - etwas anderes und damit besseres als Gefängnis möglich ist. Fraglich allerdings, ob dazu ein "totalitäres Normensystem" und ein "Diktator" notwendig bzw. sinnvoll sind.
- Der Spiegel zitiert mich an zwei Stellen - falsch und im falschen Zusammenhang.
- Ich habe nicht von "Unterbesetzung" im richterlichen Bereich gesprochen, sondern von einer katastrophalen Situation des Bezirksjugendgerichts, was die personelle Ausstattung im nichtrichterlichen Bereich (Protokollführer, Geschäftsstellen und Schreibdienste) und die Technikausstattung betrifft. Daß wir uns in einer eigenen Arbeitsgruppe um Lösungen bemühen, zumindest bei gefährdeten Jugendlichen, nicht etwa bei Bagatelltätern, zu einer schnelleren Reaktion zu kommen, wird nicht erwähnt.
- Meine Kritik an dem "Anti-Aggressivitäts-Training" richtete sich nicht in erster Linie dagegen, daß damit "der Persönlichkeitskern angekratzt" würde, sondern gegen die schon missionarische Vorstellung, man könne damit - mit einer durch Verhaltenstraining herbeigeführten Persönlichkeitsveränderung bei einigen Jugendlichen - die Gewaltproblematik unserer Gesellschaft ändern.
Wer dies glaubt, läßt nicht nur die weitgehend strukturellen Ursachen des Problems Jugendgewalt außer acht, sondern hilft mit, den Blick von den wirklichen und schwerwiegenden Problemen unserer (Erwachsenen-)Gesellschaft abzulenken und ein gesellschaftliches Phänomen wie Jugendgewalt auf individuelle Verantwortlichkeit zu reduzieren.
Mehr zu diesem Thema finden Sie übrigens in den Abschlußthesen des 24. Deutschen Jugendgerichtstages, die von meiner Website (www.der-jugendrichter.de) heruntergeladen werden können.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Katz
Jugendrichter in Hamburg
P.S. Wenn Sie sich zu Glen Mills oder dem Spiegelbericht äußern wollen - tun Sie`s doch für alle im “Forum”!
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