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Medien

Aus der Frankfurter Rundschau vom 30. September 1999:

Wenn kleine Kinder zu "monsterkids" gestempelt werden

Symposium über "Kriminalität in den Medien" kritisierte reißerische Berichterstattung - und betrieb pauschale Presseschelte

Von Ingrid Müller-Münch

Es hätte noch spannender und informativer werden können - das Kölner Symposium über "Kriminalität in den Medien". Wenn von den Kriminologen und Juristen nur ein wenig mehr differenziert worden wäre. Wenn  die Schuld an wachsender Angst der Leute vor Mord und Totschlag, an verhinderten Reformvorhaben, an der Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen nicht den Medien, der Presse ganz allgemein gegeben worden wäre. Sondern denen, die diese Kritik verdienen: Vor allem die Boulevardpresse, das marktschreierisch aufgemotzte Privatfernsehen, die schillernd auf Hochglanz präsentierten Illustrierten.

So aber war es die meiste Zeit während der dreitägigen Veranstaltung in der Kölner Universität ein einziger Presse- und Medienbrei, der da zusammengerührt, gekostet und für ungenießbar befunden wurde.  Einig war man sich allemal: Die Folgen der (pauschalierend so bezeichneten) "Presseberichterstattung über Kriminalität" sind verheerend: Das, worüber berichtet wird, hat mit der tatsächlichen  Verbrechenswirklichkeit nichts zu tun, übertreibt, verengt den Blick auf eine "virtuelle Kriminalität", die die Medien sich selbst geschaffen haben.

Da werden strafunmündige Kinder zu "monsterkids" gestempelt, wird die Furcht vor jugendlicher Gewalt geschürt. "Kids ohne Gnade", "Krieg der Kinder", lauten aufhetzende  Überschriften. Der Eindruck entstehe, Kinder würden hauptsächlich klauen, rauben, morden. Tatsächlich, so rückte der Bielefelder Wissenschaftler Detlev Frehsee zurecht, sind gerade bei Kindern "gravierende Gewaltakte seltenste Extremereignisse". Am Beispiel von "Mehmet", dem strafunmündigen Münchener Delinquenten, machten die Kriminologen deutlich, wie ein solches Thema in den Medien Eigendynamik  entwickelt.

Schlüsselereignisse, wie der "Fall Mehmet", ziehen wellenartig anwachsende Pressekampagnen nach sich, ohne dass derartige Vorkommnisse real häufiger würden. Nur beim Zuschauer oder Leser entstehe der  Eindruck, als sei "Mehmet" einer von unzähligen, endlich einmal entlarvten gewalttätigen Kindern. Übrig bleibt Angst - und das Bedürfnis, sich von einer durchweg gewaltbereiten, verantwortungslosen und  vergnügungssüchtigen nachwachsenden Generation zu schützen.

"Noch nie hat es ein Journalist für skandalisierungswürdig erachtet", beklagte Frehsee, "dass deutsche Beamte drei- oder vier- oder fünfjährige Kinder anzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Vortäuschung einer Straftat, umweltgefährdender Abfallbeseitigung, illegalen Handels mit Rauschgiften." All diese angeblichen Straftaten tauchen in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik auf, die wiederum Grundlage von Zahlenspielen und düsteren Prognosen ist. Und auf die sich Journalisten stützen, wann immer sie über Kriminalitätsentwicklungen berichten.

Dabei sagen diese Statistiken nur etwas aus über die Anzeigefreudigkeit der Bevölkerung. Nur ein Bruchteil der Delikte, die in den polizeilichen Daten aufgeführt sind, werden später vor Gericht verhandelt. Vieles fällt, weil unbedeutend, unter den Tisch - hat aber in der Berichterstattung längst seinen Niederschlag gefunden. So sind etwa zehn Prozent der wegen Ladendiebstahls angezeigten Kinder, die in den Zahlenkolonnen auftauchen, junger als sechs Jahre, betreffen über zwanzig Prozent der dort registrierten Raubdelikte Schäden von unter fünfundzwanzig Mark.

Das hier nicht korrigierend nachrecherchiert wird, wurde hart kritisiert. Aber der größte Teil des Kriminalitäts-Geschehens scheint ohnehin "nicht besonders medientauglich" zu sein, befürchtet  die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ebenfalls die mediale Darstellung von Kriminalität für "verzerrt" hält. Wie sonst ließe sich erklären, dass etwa 20 Prozent  aller Presseberichte zum Thema von Mord und Totschlag handeln, während derartige Gewalttaten in der Wirklichkeit nur mit 0,0 1 Prozent zu Buche schlagen?

Gewalt ist faszinierend, sorgt für Einschaltquoten und Auflagen. "Der normale Fernsehzuschauer erlebt über 100 Morde in der Woche", rechnete der Organisator des Symposiums, der Leiter der kriminologischen Forschungsstelle der Kölner Universität, Michael Walter, den Teilnehmern vor. Leutheusser-Schnarrenberger beklagte in dem Zusammenhang bitterlich und aus eigener Erfahrung, dass diese Gewichtung Spuren hinterlasse: Die Überbetonung von Kapitalverbrechen versetze Menschen unangemessen in Angst - und dränge Politiker zu kurzfristigem Handeln. Sie leiste ungebührlicher Dramatisierung Vorschub und führe dazu,dass Gesetzesänderungen nicht mehr aufgrund tatsächlicher Faktenlage angestrebt würden, sondern mit dem Argument: Man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen.

Für den Ministerialrat im Justizministerium, Horst Viehmann, ist eine wesentliche Folge dieser Medienberichterstattung, dass in den 90 er Jahren "eine sinnvolle Reform des Jugendkriminalrechts sich nicht verwirklichen ließ". Statt dessen wurde eine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters und Sicherungverwahrung auch für Jugendliche gefordert. Und das alles vor dem Hintergrund, dass 97 Prozent aller Kinder  und 95 Prozent der Jugendlichen strafrechtlich überhaupt gar nicht in Erscheinung treten.

Ein Beispiel zu diesem Thema finden Sie auf der Seite “Dramatisierung”.

Weitere Texte zum Thema Jugendkriminalität und Medien:

Zu diesem Thema finden Sie auf der Seite“Studie”einen Bericht über eine Studie des bayerischen Landeskriminalamtes  sowie auf der Seite “Ostendorf” eine Stellungnahme des Kieler Kriminologen und Rechtswissenschaftlers Prof. Ostendorf und einen Leserbrief zu einem vor kurzem erschienenen Spiegel-Bericht auf der Seite“Leserbrief”.

Ebenfalls zu diesem Thema finden Sie auf der Seite “Downloads” die Thesen des 24. Deutschen Jugendgerichtstages und die sog. “Magdeburger Erklärung zum Herunterladen.

Dazu gibt es ein – überraschend und beklemmend aktuelles – Zitat des renommierten Strafrechtswissenschaftlers und Rechtspolitikers Franz von Liszt aus der Zeit um die Jahrhundertwende.

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