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Aus der Frankfurter Rundschau vom 30. November 1998:
Wie Gewalthändler ihre Geschäfte mit der Angst machen
Die Furcht vor Jugendkriminalität ist größer als die tatsächliche Bedrohung - ein Plädoyer für Besonnenheit von Heribert Ostendorf (Hannover)
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Kriminalität ist nicht nur (a-)soziale Realität — es wird ,,geklaut", es wird geraubt, es wird geschlagen —, Kriminalität, gerade auch Jugendkriminalität, ist ein Verkaufsprodukt, mit Kriminalität wird gehandelt. Verkäufer, Handelsvertreter sind Journalisten, besser ausgedrückt Medienvertreter, sind Politiker, sind Polizeifunktionäre — natürlich nicht alle —, sind auch einige Kriminologen.
Vor allem in bestimmten Medien, in privaten Fernsehsendern, wird mit Kriminalität gehandelt. Und die Menschen lassen sich immer wieder von diesem Verkaufsprodukt einfangen. Sex and crime haben die Menschen schon immer besonders interessiert. Das Verkaufsprodukt ,,Kriminalität" wird heute nicht nur massenhaft angeboten, man ist damit gleichsam auch an die Börse gegangen. Hier werden die Verlaufskurven der Kriminalität permanent aufgezeichnet. Wie gesagt, zu den Börsianern der Kriminalität gehören auch einige Kriminologen mit ihren scheinbar objektiven Statistiken.
Neben dieser scheinbar gemessenen Gesamtkriminalität werden uns Einzelfälle im Zeitraffer und unter der Lupe vorgeführt. Schreckliche Einzelfälle, die das Gesamtbild mosaikförmig ausfüllen sollen. Das Grauen wird gesteigert, je jünger die Täter sind. Bestimmte kindliche Täter sind der ganzen Republik bekannt: das Straßenkid "Dennis" aus Hamburg und das Ausländerkind ,,Mehmet" aus München, Ausländerkind, obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie werden uns als Inkarnation des Bösen vorgestellt, womit zugleich die gesellschaftliche Verantwortlichkeit abgedrängt wird.
Nun wissen wir alle, daß der Kurs nicht immer dem tatsächlichen Wert entspricht. Stimmungen bestimmen den Kurs. So ist es auch mit dem Verkaufsprodukt ,,Kriminalität". Wir unterscheiden zwischen dem gefühlten und dem realen Sicherheitsklima. Obwohl Jugendkriminalität in den letzten Jahren, seit 1989/1990 angestiegen ist — vorher, in den 80er Jahren gab es einen Gleichstand, zum Teil sogar Abnahmen —, gehört Deutschland nach wie vor zu den sichersten Staaten. Subjektiv sehen die Bundesbürger dies anders. Nach Umfragen haben sie mit die größte Kriminalitätsangst. Wir dürfen uns aber nicht von Ängsten, von Gefühlen beim Einsatz des Strafrechts leiten lassen. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man kann den Standort Bundesrepublik auch kaputtreden. Wir müssen genauer hinschauen. Schon bei den Ängsten fällt auf, daß man vielfach glaubt, Deutschland sei ein unsicheres Land. Wenn nach dem Angstgefühl in der eigenen Wohngegend gefragt wird, fühlen sich dagegen die meisten sicher.
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- Als erstes gilt es, Realitätssinn und Augenmaß zu bewahren. Wir müssen die Gratwanderung zwischen Dramatisierung und Bagatellisierung bestehen. So lautet auch eine Resolution von 55 Professoren für Jugendstrafrecht und Kriminologie. Wie wir einen Sachverständigenrat für die Wirtschaft eingerichtet haben, brauchen wir einen Sachverständigenrat für Lageberichte zur inneren Sicherheit.
- Wir dürfen die Verantwortung für eine offensichtlich steigende Jugendkriminalität nicht allein und primär Jugendlichen zuschreiben. Kinder und Jugendliche müssen zwar in Verantwortung hineinwachsen. Unsere Kinder sind aber nicht schlechter als wir es waren. Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heute erwachsen werden, sind schlechter geworden. Es gibt mehr Gefährdungen, mehr Gelegenheiten zur Kriminalität und weniger Schutz durch Eingebundensein in ein festes Sozialgefüge.
- Wir brauchen als Antwort auf eine zunehmende soziale Desorientierung mehr familienunterstützende Maßnahmen, gerade auch für alleinerziehende Mütter. Im gemeinsamen Wort der evangelischen und katholischen Kirche ,,zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" heißt es: ,,Die Maßnahmen des Familienlastenausgleichs vermögen im Durchschnitt nicht einmal die unmittelbaren durch Kinder bedingten Aufwendungen, geschweige denn das durch den Rückgang der Erwerbsbeteiligung sinkende Haushaltseinkommen auszugleichen. Mehrere Kinder zu haben ist heute zu einem Armutsrisiko geworden. Schwerer noch als die finanziellen Einschränkungen wiegen jedoch für junge Familien andere Benachteiligungen: Sie suchen für Kinder geeigneten Wohnraum und erleben, sofern sie ihn überhaupt bezahlen können, daß ihnen Kinderlose vorgezogen werden. Mehrkinderfamilien sind hier sogar extrem benachteiligt."
- Wir müssen die Erziehungstüchtigkeit der Eltern stärken durch Aufklärung über falsche bzw. richtige Erziehungsmethoden. Ein wichtiges Signal wäre, die Prügelstrafe im Bürgerlichen Gesetzbuch eindeutig als unwürdige Behandlungsmethode zu brandmarken. Wer als Kind Gewalt erfahren hat, läuft Gefahr, selbst gewalttätig zu werden. Elternverantwortung ist, möglichst ohne ,,strafjustiziellen Knüppel", wieder mehr einzufordern.
- Wir brauchen eine Schulorganisation und Klassenverbände, die Lehrern ermöglichen, gerade auf benachteiligte, nicht selten verhaltensgestörte Kinder einzugehen. Wir brauchen für Kinder, die nachmittags von den Eltern nicht betreut werden, die nicht ihr Recht bekommen, Ganztagskindergärten, schulische Betreuungsangebote. Die Kinder müssen positives Selbstwertgefühl entwickeln, nicht nur um lernen zu können.
- Wir brauchen Medienerziehung in den Schulen. Wir werden die Gewalt in den Medien nicht mehr entscheidend zurückdrängen können. Wir, zuvorderst die Erwachsenen, müssen lernen, mit diesem Gewaltangebot vernünftig umzugehen.
- Wir brauchen zur Vermeidung sozialer Deklassierung eine Arbeitsmarkt- und Ausbildungspolitik, die den Jugendlichen Perspektiven eröffnet, Chancen gibt, einen Beruf entsprechend ihren Interessen und Befähigungen zu ergreifen, aus der Perspektivlosigkeit herauszukommen.
- Wir brauchen Angebote für schwer sozial gestörte Kinder und Jugendliche, für die Straßenkids, die wir entweder mit dem bisherigen Einsatz von sozialpädagogischer Betreuung nicht erreicht haben oder die ab 14 Jahren im Jugendgefängnis landen, z. T. schon in der Kinderpsychiatrie. Wir brauchen für schwer sozial gestörte Kinder und Jugendliche eine strukturierte pädagogisch/psychologische Intensivbetreuung als Alternative zur geschlossenen Heimunterbringung.
- Wir müssen die Kriminalprävention auch auf Kinder erstrecken, und zwar vor Ort: kommunale Kriminalprävention. Hier haben primär Integrationsbemühungen anzusetzen, mit Hausarbeitenhilfen, mit der Öffnung der Schulen auch nachmittags und abends, mit Straßensozialarbeit, mit kostenlosen Schnupperbeteiligungen in Sportverbänden.
- Eine Herabsetzung des Strafbarkeitsalters von 14 auf 12 Jahre wäre die falsche Antwort. Ich erteile allen Forderungen. nach Einführung eines Kinderstrafrechts eine Absage. Sie widersprechen allen kriminologischen Erkenntnissen und brechen mit unserer Rechtstradition. Kinder lassen sich noch weniger von Strafbedrohung abschrecken als Erwachsene. Sie handeln weitgehend nicht vernunftsbestimmt, sondern gefühlsorientiert. Wenn sie in das Jugendgefängnis gesteckt würden, würde erst recht eine kriminelle Karriere begründet. Der ,,Knast" würde zur Schule des Verbrechens.
- Ebenso ist die Forderung, Heranwachsende (18 — 21 Jahre) generell nach Erwachsenenstrafrecht zu bestrafen, abzulehnen. Das Jugendstrafrecht erlaubt eine differenzierte Antwort auf Kriminalität, ermöglicht mit seinem Sanktionskatalog vernünftiger zu reagieren als das Erwachsenenstrafrecht. Die Vorreiterrolle des Jugendstrafrechts für eine Reform des allgemeinen Strafrechts muß dementsprechend wieder neu belebt werden.
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Es gilt, mit Vernunft und Humanität auf Unvernunft und Inhumanität zu reagieren und nicht Rache- oder Angstgefühlen freien Lauf zu lassen.
ProfessorHeribert Ostendorf war Generalstaatsanwalt in Schleswig-Holstein und ist jetzt Leiter einer Forschungsstelle für Jugendstrafrecht und Kriminalprävention an der Universität Kiel.
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