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Die blaue Mauer des Schweigens hielt der Last der Indizien nicht stand
Verurteilung eines New Yorker Polizisten wegen Misshandlung überschattet Erfolge im Kampf gegen Verbrechen
Von Dietmar Ostermann (Washington)
Wegen der "besonders abscheulichen" Misshandlung eines Immigranten ist in New York der Ex-Polizist Justin Volpe zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Der Fall gilt als trauriger Höhepunkt in einer Reihe brutaler Übergriffe der Polizei.
Wenn Abner Louima an den 9. August 1997 denkt, dann sieht er "überall den Tod". An diesem Tag war der Wachmann einer Kläranlage vor einer Diskothek in Brooklyn in ein Handgemenge geraten und verhaftet worden. Die Beamten hielten ihn irrtümlich für jenen Mann, der in dem Tumult mit einem Faustschlag einen Polizisten niedergestreckt hatte. Im Streifenwagen wurde Louima verprügelt. Auf der Wache rammte ihm der damals 25jährige Polizist Justin Volpe einen Besenstiel in den After, während ein weiterer Beamter den schreienden Haitianer auf dem Boden des Toilettenraumes festhielt. Dann trieb Volpe dem Opfer den zerbrochenen Holzstiel in den Mund.
"Wann immer ich daran denke, was mir passiert ist", sagte der Gefolterte später im Gerichtssaal, "erinnere ich mich daran, dass ich kurz davor war, zu sterben."
Mehr als zwei Jahre nach der Tat hat nun das Bezirksgericht in Brooklyn den Haupttäter zu 30 Jahren Haft verurteilt. Der Vorsitzende Richter Eugene Nickerson sprach von einem "besonders abscheulichen" Verbrechen. Ein barbarischerer Machtmissbrauch sei kaum vorstellbar. Jedoch blieb das Gericht in der Strafzumessung unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslangen Freiheitsstrafe. Bereits im Juni war auch der Mitangeklagte Ex-Polizist Charles Schwarz von einer Geschworenenjury für schuldig befunden worden.
In New York hatte der Fall nicht nur wegen der Brutalität der Beamten und der Konstellation - weiße Polizisten misshandeln schwarzes Opfer - für Aufsehen gesorgt. Auch die "blaue Mauer des Schweigens" der Cops, hinter der sich die Täter zunächst verschanzen konnten, trieb die Wogen der Empörung hoch. Erst als die Indizien erdrückend wurden, waren Kollegen zur Aussage bereit. Noch im Gerichtssaal hatte Volpe die Tat geleugnet und eine Version verbreitet, wonach die lebensgefährlichen Verletzungen Louimas womöglich von homosexuellen Kontakten vor seiner Verhaftung stammten. Erst in diesem Frühjahr rang sich der Ex-Ordnungshüter zu einem Geständnis durch, nachdem mehrere Polizisten ihn schwer belastet hatten. Er habe sich geschämt, erklärte Volpe bei der Urteilsverkündung sein Leugnen.
Gegen das Strafmaß will sein Anwalt nun Berufung einlegen. Die Verteidigung will eine geringere Strafe erwirken und verweist auf ein ähnliches Verfahren: Im vergangenen Jahr war ein Polizist zu siebeneinhalb Jahren verurteilt worden, nachdem er einen Mann mit einem verbotenen Würgegriff erdrosselt hatte.
Tatsächlich haben in New York Ausschreitungen der auf hartes Durchgreifen gedrillten Beamten in den vergangenen Jahren immer wieder die Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung überschattet. So steht der dramatisch gesunkenen Mordrate eine Reihe von Skandalen gegenüber, welche auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch auf den Plan rief. Erst im Februar wurde ein Schwarzer von Polizisten mit 41 Schüssen durchsiebt, obwohl er keine Waffe bei sich hatte. Im August streckten Beamte einen offenbar geistig verwirrten Mann mit 12 Kugeln nieder, der zwar einen Polizisten mit einem Hammer attackiert hatte, aber laut Augenzeugen zum Zeitpunkt der Schüsse niemanden direkt bedrohte.
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